BLUMFELD am 20.05.07, Würzburg, akw

Das letzte Konzert in Würzburg vor der Auflösung DER deutschen Band? Mal sehen, ob Jochen Distelmeyer auf den Applaus verzichten kann. Tobender Beifall nach dem Konzert hat ihn immerhin dazu bewegt, ganze drei mal zurückzukommen – trotz Affenhitze und der Tatsache, dass er am Anfang etwas lustlos und geistesabwesend schien. Vielleicht hat er eine stressige Zeit hinter sich, vielleicht war es einfach zu warm, vielleicht rockt er nicht mehr ganz so gerne wie sein headbangender Bassist – egal, Jochen verzeihen wir alles, der die deutsche Popmusik in mehr als 15 Jahren mit den intelligentesten und berührendsten Texten versehen hat wo gibt.

Vielleicht ist die Zeit von Blumfeld aber tatsächlich und „in time“ vorbei: Das kleine akw ist scheints nicht mal ausverkauft, bei den Zuhörern gibts bereits Lieblingsliedzurufer, Distelmeyer selbst kommt nun langsam auch äußerlich bei den „alten Hasen“ an, und man wird den Eindruck nicht los, dass er keinen Spaß mehr hat an verschwitzen Rockshows mit „coolem“ Publikum.

So wird er erst locker, als man schon an der Ansage den „Apfelmann“ nahen erkennt und die Akustikgitarre gegen wechselnde E-Gitarren getauscht wird, die im Hintergrund von Thomas Wenzel (Sterne, Zitronen! Was macht der denn als Roadie bei Blumfeld? Freundschaftsdienst?) erst gestimmt und später ebenso im Hintergrund countryesk bedient werden.

Die ruhigen Momente sind dann auch diejenigen, in denen Distelmeyer strahlt (der Rest der Band spielt gut und routiniert, besonders am Piano fällt Vredeber Albrecht durch minimalistische Tupfer auf – eh der ruhende Fremdkörperpunkt in der Band, braver Haarschnitt, liebes Gesicht, raucht als einziger nicht): „Graue Wolken“ in Dylan-Manier mit Mundharmonika, „Armer Irrer“, „Kommst Du mit in den Alltag“,“Tausend Tränen Tief“ mit Zigarette und Tanzeinlage solo zum Playback, „So lebe ich“, die finale Zugabe „April“ – die Highlights zeigen den sensiblen Dichter mit der Klampfe, auch mal mit Fingerpicking, der nichts Rührendes auslässt, sogar romantisches Pfeifen – noch scheint er sich manchmal vor der eigenen Sensibilität zu schämen, aber da tut sich der Weg auf, den Distelmeyer beschreitet, wenn er sich und uns einen Gefallen tun will.

Eintragung ins Nichts – gut beobachtet Jochen, die Welt wird nicht bestehen, wir werden zugrunde gehen: Das ist auch die Sicht des Neuen Testaments auf die Welt und da summe ich gerne mit, gerade, weil das jemand so deutlich ausspricht. Ich wünsche mir nur für Jochen Distelmeyer, dass er nicht nur Spaß an der „Schöpfung“ (auch der Sprachstil rückt in christliche Nähe) behält, an tapsenden Igeln, dem Sturm, der den Deich auseinander reisst, an Äpfeln ;-), sondern dass er für sich Hoffnung finden kann.

Wir erinnern uns: Dylans Weg war ähnlich.

Vielleicht dann doch mal wieder im akw – oder mal in der Citychurch Würzburg? Das alte Patriziergelände wäre übrigens auch ein cooler Ort für eine richtig gute Gemeinde, die auch aktuelle Kultur stattfinden lässt …träumen darf man ja mal…

2 Kommentare

Eingeordnet unter Musik, Vaterland

2 Antworten zu “BLUMFELD am 20.05.07, Würzburg, akw

  1. Den akw-Traum träum ich mit.

  2. Fand das Konzert auch 1A. Steigerung nach hinten raus kann ich auch bestätigen (auch wenn wir zu spät gekommen und notgedrungen zu früh gegangend sind.) Dass Verstummen des Dichters erwarte ich auch nicht – wer so schreibt, wird immer schreiben. Oder wie Harald Schmidt sagt: Kunst kommt nicht von Können, sondern von MÜSSEN! 🙂
    AKW und kulturrelevante Gemeinde: Unbedingt! Hatten das ja für 24/7 auch schon mal ins Auge gefasst. Bin auch immer noch sehr dafür, in der Richtung mal was zu machen. Fragt sich nur, ob wir die kritische Masse an Leuten aufbringen, die so eine „alternative Gemeinde“ leben könnten?
    Übrigens: Subversion der Subversion. Habt ihr den dicken orangenen CC-Flyer an der Wand direkt hinter dem Blumfeld-Plattentisch gesehen? Musste ich ja schon schmunzeln…

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