Ist Paris Hilton postmodern im Sinne der Emerging-Church-Bewegung?

Mit großer Sorge verfolgen wir gerade in der Presse das dramatische Weltgeschehen. Nein, nein, nicht die Hungersnot in Afrika, nicht das gemischte Open Air für Autoritäten und Autonome in Heiligendamm, nicht der kranke Fidel Castro, es gibt in diesen Tagen wahrlich erschütternde Nachrichten:

Die sympathische Hotelerbin und Gesangskünstlerin Paris Hilton muss „gesiebte Luft atmen“. Und da amerikanische Provinzgefängnisse nicht mit dem Waldorf Astoria zu verwechseln sind, ist, zumindest aus subjektiver Sicht und gottlob zeitlich begrenzt, hier von einem der tiefsten sozialen Abstürze auf Weltebene auszugehen! Wer kann binnen so kurzer Zeit so weit von seinem gewohnten Lebensstandard heruntergeschubst werden?

Jede Krise birgt aber ihre Chancen, und so wünschen wir der bezaubernden Millionärin eine Zeit tiefer spiritueller Einsichten. Vielleicht reift da eine moderne Heilige, eine „Franziska von Hiltoni“ heran, die die Partyrobe mit dem Büßergewand tauscht, ihr Geld unter den Armen verteilt und einen Sonnengesang dichtet (vielleicht von Timbaland oder Rick Rubin „pro bono“ produziert?). Vielleicht letzteres lieber doch nicht…

Vielleicht können wir ja auch alle behilflich sein und Paris erbauliche geistliche Post zusenden. Dafür gehört natürlich mal zuvor genauestens analysiert, ob Paris nun „modern“ oder „postmodern“ ist, um Zielgruppenfehler bereits im Ansatz zu vermeiden. Ich starte also mal den Versuch der Analyse auf der Basis von Alex Definition der Postmoderne. Vorangestellt jeweils die Definition, es erfolgt dann im Anschluss der Versuch einer Subsumtion (Einteilung von 1=supipostmodern bis 6=ooochmodern):

Alex:

Erkenntnis durch…
Die alte Erkenntnismethode des distanzierten Betrachters hat im 20. Jahrhundert einige Erschütterungen erlebt. Eine davon kennt man unter dem Titel “Heisenbergsche Unschärferelation“. Wichtig in diesem Kontext: Die Wissenschaft verabschiedet sich langsam von der Vorstellung, der Mensch könne etwas ganz neutral, unabhängig von seinem eigenen Standpunkt betrachten. Man betont: Jede Beobachtung wird immer aus einer bestimmten Perspektive heraus gemacht; wir haben keinen Zugriff auf etwas, unabhängig von unserem eigenen Blickwinkel. (Anne hat das noch mal genauer im Bild der Brillen aufgegriffen, durch die wir unsere Welt sehen – daher das Bild hier. Wie sonst soll man “Postmoderne” in einem Bild zeigen? Tipps willkommen…)

 

 

 Auf Paris angewandt:

Unscharf, nur eine Brille? Das klänge nicht so gut, aber Erkenntnis durch Erforschen und Erleben, das ist genau ihr Ding! Glatte 1!

Alex:

Höchste Instanz
Die menschliche Vernunft erlebt einige herbe Schläge. Natürlich geht sie nicht KO, aber sie realisiert, dass sie nicht alleine im Ring steht. Deshalb versucht postmodernes Denken auch biographisches Erleben, realisierte Vorurteile und sonstige Prägungen aktiv mit in den Erkenntnisprozess einzubringen. Letzte Instanz ist nicht länger die Vorstellung einer unberührten Vernunft. Das subjektive Erleben emanzipiert sich vom Urteil der “Subjektivität” und wird als Pluspunkt, teilweise gar als letzte Instanz verstanden. Damit ich etwas für wahr halte, will ich es nicht länger nur vernünftig einsehen – ich will es auch erleben können.

 

Auf Paris angewandt:

Ja, hier ist Paris in ihrem Element: Alles selbst erlebt, die Vernunft mal kurz zurückgestellt, wenn auch nicht gänzlich verdrängt, denn bei allem selbsterlebten Singen und AufnerPartysein darf auch der wirtschaftliche Aspekt nicht zu kurz kommen. Klare 1!

Alex:

Religion
Weil man einsieht, dass ein strenger Rationalismus zu einseitig ist, bekommt auch das wieder eine Chance, was nicht in wissenschaftlich-rationalistische Schubladen passt. Postmoderne Menschen öffnen sich für Spirituelles, besonders, wenn man es erleben kann.
(Filme: Contact (Jodie Foster), The Sixth Sense (Bruce Willis))

Auf Paris angewandt:

Der Lebensstil von Paris kann ob seiner Exzessivität nur als radikale Sinnsuche in der Tradition der Vita großer Heiliger verstanden werden. Die Vorstufe jeder tiefen Spiritualität ist die Erkenntnis, dass mich diese Welt mit all ihren hohlen Reizen letztlich unerfüllt lässt. Hier sehe ich ein großes Erkenntnispotential und vergebe eine 2!

Alex:

 

Einheit durch…
Die Einheit der Weltsicht wird aufgebrochen und ersetzt durch Vielheit. Das liegt daran, dass man erkannt hat, dass alles aus einer bestimmten Perspektive gesehen wird. Deshalb erwartet man nicht mehr die große Einheit, sondern begrüßt die Vielheit. Der französische Philosoph Francois Lyotard spricht vom Ende der großen Meta-Narrativen, also der großen einheitsstiftenden Erzählungen und ideologischen Systeme.

Paris:

Ja, genau! 1!

Alex:

Motto
»If it makes you happy, it can’t be that bad.« Unser vorhergehende Motti zu Mittelalter und Moderne hatten wir von Augustinus und Francis Bacon geklaut. Hier muss Sheryl Crow reichen. ;) So oberflächlich und beliebig dieses Zitat wirken mag: Dahinter steckt die tiefsitzende Überzeugung der Postmoderne, dass jeder sein eigenes Glück finden muss.

Paris:

Könnte man schöner den Pfad der Hotelerbin umschreiben? Nochmals klare 1!

 

Fazit: Paris Hilton ist eine werdende Ikone der Postmoderne.

Zum Vertiefen: Hier ihr Knasttagebuch.Demnächst vielleicht im STERN abgedruckt? Der hatte doch auch mal so ein Tagebuch..Oder sollte das etwa auch gar nicht die Paris…? Egal, klingt auf jeden Fall interessant!

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter Around the world, Vaterland

3 Antworten zu “Ist Paris Hilton postmodern im Sinne der Emerging-Church-Bewegung?

  1. Deine Analyse ist bestechend. Ich muss zugeben, dass ich die Hilton bisher nicht in diesen Kontext eingeordnet hätte. Aber doch: Foucault, Derrida, Lyotard, Hilton. Passt.
    Wahrscheinlich wurde sie bisher auch einfach nur missverstanden. Sicher wird die Zeit hinter verschlossenen Türen ihr helfen, ihre vielfachen Erlebnisse in einer pluralistischen Welt zu reflektieren und in eine angemessene Form zu bringen. Ich schätze Paris neigt zur Aphoristik…

  2. ditho

    @alex: ein paar tage knast würden ihnen ja dann wohl auch helfen!

  3. wessnet

    Ditho: Das ist aber nicht nett, außerdem hat gerade Alex das nicht nötig. Da wäre eher ein Ballermann-Kurztripp ein interessanter Kontrast zum Theologiestudium
    Alex: Gänzlich sicher bin ich mir bei meiner Einstufung als nur dürftiger Kenner postmoderner Gedanken nicht. Paris steht aber gewiss in der Tradition der Dekonstruktion, also Derrida, und gerade Foucault ist aus aktueller Sicht eine Bezugsgröße.
    Zitat aus Wikipedia:
    “Foucault macht dabei drei große Machttechniken aus:
    1. Einschließung der Individuen in einen nach außen abgeschlossenen Bereich, wobei jeglicher Transfer zwischen dem eingeschlossenen Bereich und der äußeren Welt, etwa von Menschen oder Gütern, kontrolliert werden kann.
    2. Parzellierung, d.h. jedem Individuum wird ein fester Platz und feste Funktion zugewiesen, wodurch eine Kontrolle der Individuen und ihrer Leistungen effektiviert wird.
    3. Hierachisierung, d.h. die Individuen werden nach Rang und Status klassifiziert. Jedes Individuum ist dann durch einen ganz bestimmten Abstand zu Anderen definiert und wird versuchen, sich jener Norm, welche der Klassifikation zu Grunde liegt (z.B. gute Noten, hohe Produktivität), anzupassen. “

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s