Paul Gerhardt – ein fröhlicher Masochist?

Schon traurig, was uns Christoph heute in seiner Predigt über das Leben von Paul Gerhardt erzählt hat, und schon Hoffnung machend, dass dieser gebeutelte Mann, der in ein paar Jahren alles verloren hat, was ihm auf Erden lieb und teuer war(seine Frau, vier seiner Kinder und seine Pastorenstelle), dann die schönsten, persönlichsten Anbetungslieder schreibt, die es bis heute gibt, nicht nur theologisch tief, sondern intimer Ausdruck seines persönlichen, erprobten Glaubens.

Nur bleibt dann gerade bei Paul Gerhardt, wenn man sein Leben nur im „Zeitraffer“ ansieht, die Frage, was für einer er denn „im Herzen“ war: Ein fröhlicher Masochist, ein oberflächlicher Romantiker, ein Schönreder?

Etwas Aufschluß, was da in ihm „getickt“ hat, gibt uns das Testament, dass er seinem einzig die Eltern überlebenden Sohn Paul hinterlassen hat. Dort schreibt Gerhardt:

„Nachdem ich nunmehr des 70. Jahr meines Alters erreicht, auch dabei die fröhliche Hoffnung habe, dass mein lieber frommer Gott mich in kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen werde, als ich bisher auf Erden gehabt habe: so danke ich ihm zuvörderst für alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf jetzige Stunde an Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat.

Daneben bitte ich von Grund meines Herzens, er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen, meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen, und dem Leibe eine sanfte Ruhe in der Erde bis zu dem lieben jüngsten Tage bescheren, da ich mit allen Meinigen, die nur vor mir gewesen und auch künftig nach mir bleiben möchten, wieder erwachen und meinen lieben Herrn Jesum Christum, an welchen ich bisher geglaubet und ihn doch nie gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht schauen werde.

Meinem einzigen hinterlassenen Sohne überlasse ich von irdischen Gütern wenig, dabei aber einen ehrlichen Namen, dessen er sich sonderlich nicht wird zu schämen haben. Es weiß mein Sohn, dass ich ihn von seiner zarten Kindheit an dem Herrn meinem Gott zu eigen gegeben, dass er ein Diener und Prediger seines heiligen Wortes werden soll. Dabei soll er nun bleiben und sich daran nicht kehren, dass er nur wenig gute Tage dabei haben möchte; denn da weiß der liebe Gott schon Rat zu und kann das äußerliche Trübsal mit inniglicher Herzenslust und Freudigkeit des Geistes genugsam ersetzen.

Die heilige Theologiam studiere in reinen Schulen und auf unverfälschten Universitäten, und hüte dich ja vor Synkretisten, denn sie suchen das Zeitliche und sind weder Gott noch Menschen treu.

In deinem gemeinen Leben folge nicht böser Gesellschaft, sondern dem Willen und Befehl deines Gottes. Insonderheit 1. tue nichts Böses, in der Hoffnung, es werde heimlich bleiben, denn es wird nichts so klein gesponnen, es kommt an die Sonnen. 2. Außer deinem Amte und Berufe erzürne dich nicht. Merkst du dann, dass der Zorn dich erhitzet habe, so schweige stockstille und rede nicht eher ein Wort, bis du ernstlich die 10 Gebote und den christlichen Glauben bei dir ausgebetet hast. 3. Der fleischlichen sündlichen Lüste schäme dich, und wenn du dermaleinst zu solchen Jahren kommst, daß du heiraten kannst, so heirate mit Gott und gutem Rat frommer, getreuer und verständiger Leute. 4. Tue Leuten Gutes, ob sie dir es gleich nicht zu vergelten haben, denn was Menschen nicht vergelten können, das hat der Schöpfer Himmels und der Erden längst vergolten, da er dich erschaffen hat, da er dir seinen lieben Sohn geschenket hat, und da er dich in der heiligen Taufe zu seinem Kinde und Erben auf- und angenommen hat. 5. Den Geiz fleuch als die Hölle, lass dir genügen an dem, was du mit Ehren und gutem Gewissen erworben hast, ob es gleich nicht allzuviel ist. Beschert dir aber der liebe Gott ein Mehreres, so bitte ihn, dass er dich vor dem leidigen Mißbrauche des zeitlichen Gutes bewahren wolle.

Summa, bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig, so wirst du einmal auch sterben und vn dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich. Amen.“

Dankbarkeit als Lebensprinzip, nicht als duckmäuserisches Stiefellecken gegenüber einer ungnädigen Hoheit, sondern aus einer persönlichen Beziehung zu Gott, das ist die Präambel seines Vermächtnisses.

Aus dieser Haltung heraus, und das ist ganz bestimmt der einzige Weg, wird äußere Trübsal innigliche Herzenslust und Freudigkeit des Geistes. Wollen wir nicht genau das: Nicht Spielball der Umstände und Gefühle sein? Wirklich frei? Gerhardt berichtet seinem Sohn aus einem Leben mit allen ausgeloteten Tiefen, wie das klappen kann: Treu bei Gott bleiben, und dabei die hilfreichen Tipps beachten, die uns Gott in der Bibel gibt, nicht als Verbotsbüchlein, sondern als „Lebens-Navi“.

Vielleicht hinterlässt man dann manchmal nicht mehr als einen „ehrlichen Namen“, aber ist es nicht genau das, was man hinterlassen will? Eine übermenschliche Aufgabe, ohne Gottes Gnade undenkbar. Und vielleicht kann man dann von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich. Das war offenbar die Haltung, mit der Paul Gerhardt starb. Und in den letzten Zügen lügt man nicht: Ich bin Anwalt und habe genug Testamente gelesen, die mit hasserfüllter Hand geschrieben wurden. Das ist die Hinterlassenschaft Gerhardts nicht nur für seinen Sohn, sondern für uns.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter CityChurch, Vaterland

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s