Ein Ledermausoleum für eine kleine Kratze

Hildegunst von Mythenmetz, der im Orm gebadete literarische Lindwurm aus Zamonien, hat sich schon beschwert: Sein Übersetzer Walter Moers hat das Werk „Der Schrecksenmeister“, wiederum eine Neuerzählung eines Märchens von GOFID LETTERKERL, um die berühmt-berüchtigten „mythenmetzschen Abschweifungen“ gekürzt. Die Verteidigungsrede von Moers leuchtet dem geneigten Leser aber durchaus ein, denn ob des krankheitsgeschwängerten Stoffes, bedingt durch den Schauplatz der Erzählung, das Apothekerparadies (da alle Einwohner siechen und schniefen) Sledwaya, ergeht sich der Autor Moers zufolge in seitenlangen Beschreibungen von eingebildeten Wehwehchen, Angaben über Körpertemperatur und Pulsfrequenz, die Farbe des Urins und die Beschaffenheit des Stuhlgangs.

Auf diese 700 Seiten umfassenden hypochondrischen Ergüsse des Echsendichters müssen wir nun verzichten und bekommen auf knappen 377 Seiten die Abenteuer einer kleinen Kratze serviert, garniert mit leckersten Rezepten. Schon das Lesen ist angesichts der kulinarischen Schilderungen dickmachend, wenn diese auch einen traurigen Hintergrund haben:

Die nach dem Tode des Frauchens vollkommen ausgehungerte Kratze ( = zamonische Spielart der Hauskatze, von der sie sich äußerlich und in ihren Eigenschaften nur darin unterscheidet, dass sie sprechen kann und zwei Lebern hat) gerät nämlich in die Finger eines gnadenlosen Schrecksenmeisters, der ihr einen tödlichen Deal vorschlägt: Die Kratze wird einen Monat lang mit den edelsten Speisen verwöhnt (und gemästet), doch nach dem Monat ist die Kratze dran, denn dann will der Schrecksenmeister ihr die Kehle durchschneiden und ihr Fett auskochen, da er selbiges für das finale alchimistische Experiment benötigt (die ausgekochten Fette aller anderen ausgestorbenen und seltenen Tierarten hortet der Schrecksenmeister bereits in seinem Fettkeller).

Doch der Alchimist und Hobbykoch hat die Rechnung ohne die Kratze gemacht: Diese entwickelt im Laufe der Geschichte, in deren Verlauf wir Ledermäuse, ein gekochtes Gespenst, eine Riesenunke, eine schneeweiße Witwe und einen Uhu mit Sprachkoordinationsproblemen und last not least eine liebestolle Schreckse näher kennen lernen, ungeahnte Fähigkeiten, außerdem hätte sie der Schrecksenmeister nicht vom Baum der Erkenntnuß kosten lassen sollen.

Ein sättigendes literarisches Menue, dass ich hiermit wärmstens empfehle. Nicht nur für Kratzenfreunde. Und die Ledermäuse versteht sowieso niemand.

A pocketful of Zamomin!

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