Das 34. Internationale Filmwochenende in Würzburg…

…nähert sich seinem Ende und war wie stets reizvoll.

Wir haben es immerhin geschafft, zwei Filme anzuschauen, und zwar, wie geplant, „Der große Navigator“ (Sigrun Köhler/Wiltrud Baier, Deutschland 2007) sowie „True North“ (Steve Hudson, Deutschland/Irland/Großbritannien 2006).

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„Der große Navigator“ – ein Dokumentarfilm, der in mancherlei Hinsicht zum Nachdenken anregt:

Erstaunlicherweise war die Vorstellung am Freitag, den 25.01., im Corso um 20:30 Uhr gut besucht. Der Kinosaal war fast bis auf den letzten Platz belegt. Das ist bemerkenswert für einen Film, der sich damit beschäftigt, dass ein schwäbischer Missionar von der Liebenzeller Mission, der mit seiner Familie über lange Zeit in Papua-Neuguinea missionarische Arbeit gemacht hat, in die neuen Bundesländer, genauer nach „MeckPomm“, ausgesandt wird, um den „ostdeutschen Heiden“ die christliche Botschaft zu bringen.

Warum geht der durchschnittliche Filmwochenende-Besucher in sooo einen Streifen? Amüsierte Neugierde? Was ist denn das für eine Story? Missionare – gibt es heute noch so etwas? Und – was fällt denen denn ein, sich in Deutschland zu tummeln? Deutschland ist doch „christlich“: Wir haben doch unsere schönen Kirchen, eine ereignisreiche Kirchengeschichte – und „seinen Glauben kann man doch auch leben, ohne in die Kirche zu gehen!“ – oder ???!!??

Der Film lehrt zumindest eine Einsicht: Deutschland IST Missionsland. Viele Deutsche haben vom christlichen Glauben, der Kirche, der Bibel und von geistlichem Leben ungefähr so viel Ahnung wie ein Eichhörnchen vom Geigespielen. Das gilt m.E. übrigens nicht nur für den geschichtlich säkularisierten Osten, sondern die Antworten, die man auf der Straße kassiert, wenn man beliebige Passanten nach ihrer Haltung zum Glauben befragt, ähneln sich:

– ne, nicht mein Ding!

– die Kirche ist langweilig und überholt

– die Antworten der Kirche zu allgemeinen Lebensfragen sind nicht relevant

– ich glaube schon, aber nicht in so einem christlichen Sinne, ich finde auch den Dalai Lama und Hape Kerkeling total klasse..

– und eben dieser „man muss doch nicht in die Kirche gehen, um…“-Spruch

Und die Wahrheit? Die meisten Leute gehen nicht in die Kirche, beten nicht, haben ihre dürftigen Infos über Religion aus dürftigen Magazinartikeln.

Lehre Nr. 2 aus dem Film: Dass ein Leben ohne Sinn, ohne Religion, ohne Gott irgendwie hohl ist, fällt durchaus vielen auf – oft gerade den „Asozialen“, den gesellschaftlichen Totalverweigerern, Punks, den „jungen Wilden“. „Unser Gott ist Bier“, dieser steile Spruch eines Treppenpunks ist genauso wahr wie seine bittere Realität als unbefriedigend empfunden wird.

Man konnte deutlich erspüren, dass z.B. der „kleine Satanist“ aus dem Film sich im Inneren brennend für Gott interessiert hat, aber bitte für die Wahrheit, nicht die blankpolierte Werbeoberfläche oder verkrustete Gewohnheitsreligion.

Die beiden sympathischen Regisseurinnen waren vor Ort und haben sich nach der Vorführung den Fragen der Besucher gestellt.

Ich hatte auch eine Frage: Mit wem haben sich die beiden im Laufe der Dreharbeiten mehr solidarisiert: Mit Jakob, dem schwäbischen Hudson Taylor bei den Ostgoten, oder den „Missionsopfern“?

Auf die zuvor bereits aus dem Publikum gestellte Frage, was das Motiv für diesen Film war, antworteten die Filmemacherinnen, dass sie das Thema interessant fanden und der Film ein Experiment für sie war: Werden sie evtl. auch „missioniert“, kommt ihnen der Glaube ein Stück näher?

Auf meine Frage antworteten die Beiden nach kurzem Nachdenken, dass sie schon etwas mehr Gefühle für die „Missionsopfer“ entwickelt hatten – und mir ging es ähnlich!

Man könnte (wie der Kuli es heute getan hat) den Regisseurinnen vorwerfen, dass sie es verabsäumt haben, die Hauptfigur, den Jakob, näher zu porträtieren. Da ist zwar etwas dran, denn man sieht nur einen schwäbischen Sisyphos, der den Glaubensstein den Ignoranzberg hochrollt, erfährt aber wenig über seine Motive, seine Vision, seinen Blick auf die Leute in seiner neuen Heimat. Dafür kommen wir einigen Mecklenburgern ganz nah, erfahren etwas über ihre Sehnsüchte und ihren desillusionierenden Alltag.

Aber m.E. war der Film ehrlich und fair: Die Regisseurinnen sind auf neutralem Terrain verblieben: Jakob wird nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern die Kamera nimmt einfach das mit, was passiert. Und auch die „Opposition“, so z.B. ein redefreudiger Fischer, dem das Herz (und die Galle) auf der Zunge liegt, darf sich ungestört verbal ausbreiten, bis die Zerrissenheit seiner ungefestigten Ansichten offenkundig wird: In einem Moment beschwert er sich darüber, in diese beschissene Welt geworfen worden zu sein, ohne dass Gott ihn vorher gefragt hätte. Ein paar Minuten später verkündet er im Brustton der Überzeugung, dass diese Welt doch das ist, wo er gerne immer bleiben würde. Aha…

Und was ist die wichtigste Lehre, die mir der Film (ungewollt) aufgezeigt hat: Der Hunger ist da, er muss aber ehrlich gefüttert werden. Die Leute brauchen keine schlauen Sprüche oder mehr oder weniger moderne Events, sondern Menschen, die Christsein mit allen Höhen und Tiefen selbst leben. Ein Spruch von Jochen Gramer ist bei mir hängen geblieben: Wir „verkaufen“ doch keinen alten Käse, sondern wir reden vom lebendigen Gott…

Kritik an den Missionaren? Kann ich nicht üben, ich kenne weder alles, was sie tagtäglich tun noch gar ihr Gebetsleben oder ihre Motivation. Aber die obigen Eindrücke möchte ich nicht vergessen, sondern daraus lernen.

Eine moralische Achterbahnfahrt war dann „True North“: Steve Hudson serviert uns einen schottischen Sozialdramahorrorstreifen auf offenem Ärmelkanal: Ein abgehalftertes Fischerboot und sein Patriarch bangen um ihre wirtschaftliche Existenz. Sein mitleidiger Sohn ringt um eine Lösung (die auch sein künftiges Erbe betrifft…) und lässt sich von einem treffend besetzten Schleppergauner (Hark Bohm, lustigerweise der Regisseur des deutschen Kultstreifens „Nordsee ist Mordsee“- wie wahr, kannte Hudson den Film?) aufschwatzen, 20 illegale chinesische Einwanderer im Bauch des Kutters über den Ärmelkanal nach Great Britain zu „importieren“- fürstliche Belohnung garantiert.

Der folgende Trip entwickelt sich für die gesamte Bootsmannschaft, allesamt keine Großmeister des sittsamen Lebens oder des festen Halts im normalen Leben, zu einer Selbsterfahrungshölle, in der gute und böse Motive verschwimmen – eine Parabel über die Abgründe im Menschen und über das Wichtigste im Leben – Menschen.

Jetzt will ich mal nicht alles verraten, wer den Film mal sehen kann, sollte das auch tun, hier der Trailer:

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