Benedikt: Bete und arbeite, suche das rechte Maß, bleibe am gleichen Ort (II)

Teil II: Leben in der Gegenwart Gottes (Teil 1)

(nach Anselm Grün, Benedikt von Nursia, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 7. Auflage 2004)

Anselm Grün stellt fest, dass heute oft die Klage über die ABWESENHEIT GOTTES laut wird, das Gefühl, Gott nicht mehr erfahren zu können. Als Heilmittel werden oft zwei Wege vorgeschlagen:

1. Das weltliche, „soziale“ Engagement, ein konkreter Einsatz für mehr Mitmenschlichkeit als eigentlicher Auftrag des Christen

2. Die Meditation als Weg in die Stille, der Rückzug in die eigene Innerlichkeit.

Manche versuchen diese sich oft fremden Lager (die „Engagierten“ sind oft zu hektisch für die persönliche Stille, die „Mystiker“ verachten oft das rein praktische Mitmenschliche) zu verbrüdern, so z.B. der leider unlängst verstorbene Prior von Taize, Frere Roger, mit seinem Konzept von den sich ergänzenden Polen „Kampf und Kontemplation“.

Benedikts Ansatz ist hiervon gänzlich anders und radikal einfach:

Er kennt in seiner Betrachtung keine künstliche Trennung von Innerlichkeit und Engagement, sondern unser ganzes Leben spielt sich für Benedikt in der Gegenwart Gottes ab.

Leben in der Gegenwart Gottes heisst für Benedikt im vierten Kapitel seiner Regel: „Fest überzeugt sein, dass Gott überall auf uns schaut.“

Was in (post)modernen Ohren vielleicht erst einmal etwas zu sehr nach „Big Brother is watching you“ klingt, ist bei Benedikt als ständiger Läuterungsprozeß, begleitet von einer immer tieferen Selbsterkenntnis durch rückhaltlose Ehrlichkeit und Transparenz in ALLEN Dingen vor Gott gemeint: Es gibt nicht die Welt getrennt vom geistlichen Leben, alles ist wie bei Sacharja 14, 20f. „heiliger Besitz für den Herrn“.

Langsam dämmert mir, warum die Mönche des ersten Klosters, in dem er Vorsteher wurde, ihn vergiften wollten: Diesem Anspruch wird auf Dauer nur gerecht, wer es ernst meint. So richtig ernst, nicht nur im „heiligen Bezirk“, sondern in allen Bereichen: Umgang mit Zeit, Geld, Bequemlichkeit, Genußmitteln. Kein frommes Schauspiel, sondern rückhaltlose Offenheit. Durchaus möglich, dass da Neurosen statt Humore gezüchtet werden, wenn das nicht erstmal verinnerlicht und damit wirklich gewollt ist.

Daher will ich das bei Grün weiter abgehandelte Thema für heute an diesem Punkt unterbrechen, verbunden mit den Fragen an mich (und euch):

1. Bin ich bereit für ein ganzes Leben in der Gegenwart Gottes?

2. Wo ist mein Schwachpunkt: Beim Engagement oder bei der Innerlichkeit?

3. Welchen „heiligen Besitz des Herrn“ würde ich viel lieber für mich behalten? Wie fühle ich mich dabei?

4. Habe ich eigentlich Angst davor, dass Gott alles sieht?

…to be continued

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Drucksachen, Emergentes, Kontemplation, Leben lernen, Vaterland

9 Antworten zu “Benedikt: Bete und arbeite, suche das rechte Maß, bleibe am gleichen Ort (II)

  1. jaja, das kommt in der benediktsregel (RB) häufiger vor mit dem das gott alles sieht. allerdings kommt mir das wirklich so vor wie eine kiste, die in unsere kinderzeit gehört. und irgendwo könnte man ja auch sagen, dass europa zur zeit benedikts noch in den kinderschuhen steckte.

    und natürlich hat die RB diesen „kontrollaspekt“ im blick, und engel, die gott immer alles berichten, was sich so abspielt etc. eine andere – und legitime – sache ist es dann, wenn anselm grün gute, hilfreiche worte findet, was die RB mit diesem aspekt eigentlich meinen könnte.

    danke noch einmal für deine einträge zu benedictus. – wenn mich nicht alles täuscht ist hier der erste freikirchliche blog, der einen „heiligen“ thematisiert, oder?

  2. wessnet

    Du meinst also, dass Anselm Grün an sich bedenkliche Inhalte (bedenkliche Inhalte melden, hi,hi) schönredet?

    Ich hatte mir auch schon gedacht, dass es nicht schlecht wäre, selbst in der Benediktsregel nachzulesen, was Grün (durchaus hilfreich) interpretiert. Entweder hat Grün dann recht, oder er ist Benedikt 2.0….

    Dass Andere nicht auch schon über „Heilige“ (in diesem Sinne) gebloggt haben, glaube ich fast nicht. Ich hatte übrigens selbst schon mal was über Franz von Assisi geschrieben und im Rahmen einer Reihe der Citychurch auch über ihn gepredigt.

  3. p.s. gib mal „münsterschwarzach“ bei youtube ein. kennst du die „neuen“ videos schon?

  4. klar. anselm grün ist ja wohl „der“ benediktiner schlechthin. und prägt massgeblich das bild des benediktinischen in deutschland. und ich bin auch sehr froh, dass es so eine stimme gibt. denn sie ist gleichzeitig eine unängstliche weisheitliche stimme im deutschen katholischen spektrum. wäre ja fürchterlich, wenn die öffentlichkeit nur auf den tisch hauende deutsche kardinäle wahrnehmen würde, die doch einen der unangenehmsten aspekte der römischen kirche repräsentieren.

  5. Pingback: der eigenwert des profanen « ein neues kellion

  6. Bee

    Hmm… Big Brother oder ich werde nicht allein gelassen.
    Wie angenehm einem die Vorstellung ist, dass Gott einen die ganze Zeit zuguckt, hängt wahrscheinlich davon ab, welches Gottesbild man hat. Hat man so was wie einen Blogwart, Oberpolizist im Kopf, der quasi nur darauf wartet, dass er einen bei etwas verbotenem erwischt, dann wird es unerträglich. Wenn Gott jedoch jemand ist, der hilft meinen Tag ohne Angst verbringt und einem durch schwierige Situationen hindurch navigieren will, sieht das schon anders aus. „O Gott, komm mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen!“

  7. wessnet

    @bee: Danke für Deinen Besuch hier!

    Ich sehe das vom Ergebnis her so wie Du, mein Gottesbild ist nicht das eines Hausmeisters, der mit Schiebermütze ruft: Kinder, runter vom Rasen! Eher dasjenige eines Papas, zu dem man immer laufen kann, wenn man möchte und der immer ein offenes Ohr hat und zum Hausmeister sagt: Finger weg von meinem Jungen!

    Immer noch unsicher bin ich mir, ob Benedikt das auch so sah oder Anselm Grün die Botschaft Benedikts freundlich uminterpretiert. Benediktiner aller Länder, was sagt Ihr dazu?

  8. bee

    Wo wir grad bei alle Länder sind…. Also vllt kannst Du ja mal bei Fr. Stephanos http://monkallover.blogspot.com vorbei schauen-anwortet recht ausführlich auch auf private mails, oder der Sr. Susan Doubet http://eriebenedictines.blogspot.com mailen. … Vllt können die Dir ja einige antworten geben… ansonsten kann ich nur OP´s und SJ´s aus verschiedenen Ländern anbieten.

  9. bee

    Ach, http://www.elmgrovecommunity.co.uk ich hab elm grove vergessen…

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