Das ICE-Unglück vom Samstag, 26.04.08, bei Fulda: Erlebnisbericht eines Fahrgastes

Den ICE-Unfall vom vergangenen Samstag haben wir alle mit Schrecken aufgenommen, gleichzeitig aber erleichtert gehört, dass gottlob kein Mensch zu Tode gekommen ist – dafür eine ganze Schafherde, die den ICE in einem Tunnel bei Fulda (Landrückentunnel) zum Entgleisen gebracht hat.

Besonders bewegt hat mich aber, dass ich einen Fahrgast sehr gut kenne: Artur Schmitt, ehemaliger Pastor der Citychurch Würzburg und jetzt Bundessekretär der FeG. Seinen Erlebnisbericht, der mich gestern per Mail erreicht hatte, möchte ich (mit Arturs freundlichem Einverständnis), unkommentiert veröffentlichen:

„Als ich gestern um 18.03 mit dem ICE von Hamburg wieder losfuhr, wusste ich nicht, dass ich drei Stunden später die längsten Sekunden meines bisherigen Lebens buchstäblich „erfahren“ würde. Um ca. 21.10 Uhr, etwa 20 km hinter Fulda, fuhr unser Zug mit über 200 km/h in den Landrückentunnel, der gut 10 km lang ist. Bald nach der Einfahrt in den Tunnel entgleisten die meisten Waggons. Wir donnerten noch einige hundert Meter auf dem Gleisbett weiter ins Tunnelinnere.

Die Ursache für das Unglück war uns zunächst völlig unklar. Mich hatte es auf den Boden geschleudert. Koffer und andere Dinge flogen durch die Luft. Wir wurden hin- und hergeschüttelt, schlingerten zum Teil an der Tunnelwand entlang. Man hörte kreischende metallische Geräusche, Schreie von den Fahrgästen.

In diesen Augenblicken fragte ich mich nach der Art der Katastrophe und ob wir hier jemals wieder lebend herauskämen. Wie von selbst kamen meine Stoßgebete.

Als nach endlosen Sekunden der Zug schließlich zum Stehen gekommen war, bot sich uns ein katastrophaler Anblick. Alles war durcheinander gewirbelt. Unser Waggon war stark zur Seite geneigt und drohte zu kippen. (Nach späteren Augenzeugenberichten lag ein anderer Waggon tatsächlich auf der Seite.)

Einige Männer schlugen die Scheiben ein. Von draußen zog eine dichte, ätzend riechende Staubwolke herein. Man konnte absolut nichts aus dem Fenster sehen.

Wir halfen einander auf die Beine, kletterten ein paar Minuten später auf Anweisung des Zugpersonals aus dem Waggon und gingen stolpernd und hustend knapp 1000 Meter zurück zum Tunnelausgang. Der Qualm und der Staub raubten uns fast den Atem.

Irgendwann begann ich im Schein der Lampen neben all den Trümmern und Eisenteilen auch blutige Leichenteile wahrzunehmen. Wir merkten bald, dass sie von Tieren stammten. Am Ende des Tunnels sahen wir dann die Kadaver einer Schafherde. Ich zählte gut zwanzig Stück. Ein jämmerlicher, schrecklicher Anblick. Der Zug war in die verirrte Herde gerast.

Bald kamen Dutzende von Rettungskräften, die Polizei und die Feuerwehr zum Großeinsatz. Glücklich stellten wir fest, dass es nicht viele Verletzte gab. Die meisten hatten nur einige Blessuren und Prellungen davongetragen. Hauptsache aber: Wir alle lebten! Dies war unfassbar und ein echtes Wunder.

Manche Leute standen unter Schock. Mit anderen konnte ich reden. Einer von ihnen stellte fest, dass er heute seinen zweiten Geburtstag erleben würde. Einige junge Leute lasen sich später aus der Zeitung ihre Horoskope vor. Fast alle aber redeten davon, dass wir miteinander unwahrscheinliches Glück gehabt hätten. Ich habe dann meist versucht, die Ursache dieses Glücks zu erwähnen…

Die folgenden Stunden gestalteten sich schwierig: Bis wir alle registriert waren, nach Fulda zurückgebracht und in einen neuen ICE verfrachtet worden waren (der Lokführer musste mit einem Taxi von Frankfurt herbeigeholt werden), verging eine lange Zeit. In Würzburg kamen wir schließlich um 3.30 Uhr mit einer Verspätung von exakt sechs Stunden an.

In diesen Stunden des Nachdenkens wurde ich immer wieder an die Schafherde erinnert. Wer war ihr Besitzer? Warum hatte er sich nicht um die Tiere gekümmert? Hatte er sie in Sicherheit gewähnt? Warum waren sie in die Irre gegangen?

Für mich wurde dieses Bild zu einer göttlichen Anfrage an mich persönlich:

Worin liegt meine Hauptaufgabe als Leiter? Wo setze ich Prioritäten? Kümmere ich mich als „Hirte“ zu sehr um mich? Um (notwendige) strukturelle Angelegenheiten? Ist mir das Wohl der ganzen Herde wirklich am wichtigsten?

Und was ist mit den „anderen Schafen“? „Jammert“ es mich, packt es noch unser Herz, wenn wir sie in die Irre laufen sehen? Haben wir als Gemeinden noch unseren eigentlichen Auftrag im Blick, sie zu Jesus zu führen, weil sie sonst unweigerlich rettungslos verloren sind? Wie setze ich selbst dieses Ziel konkret um?

Das sind Fragen, die mich bewegen. Gleichzeitig bin ich in dieser Nacht von einer großen Dankbarkeit ergriffen worden. Ich kenne einen guten „Hirten und Bischof unserer Seelen“, Jesus Christus. Er hat mich und viele andere am Leben erhalten. Zu ihm gehöre ich; bei ihm habe ich es gut. Und ihm will ich aus ganzem Herzen folgen.

Aber das Bild von der Schafherde, das hat sich mir unauslöschlich eingebrannt.“

5 Kommentare

Eingeordnet unter CityChurch, Leben lernen, WWW

5 Antworten zu “Das ICE-Unglück vom Samstag, 26.04.08, bei Fulda: Erlebnisbericht eines Fahrgastes

  1. Dieter

    Anmerkung: Artur Schmitt war Pastor der FEG, nicht der CityChurch

  2. wessnet

    Hallo Dieter (welcher? Kennen wir uns?),

    sorry, das ist natürlich richtig, wobei Artur in unserer Gründungszeit auch bei der Citychurch dabei war, und nicht nur das, Artur war ja auch der „Visionär“ der CC. Deswegen habe ich ihn auch einfach „Pastor“ der CC genannt. Aber es stimmt natürlich, dass er in der Zeit Pastor der FeG Würzburg war. Da fällt mir mal wieder ein, was Artur in der Zeit kräftemäßig geritten hat. Danke nochmals, lieber Artur!

  3. Ein Retter

    Kein einziger Waagen des ICE lag auf der Seite!!!

  4. wessnet

    Nachtrag zu diesem Post:

    Es gibt einen Artikel der Main-Post, der hierhin verlinkt (siehe auf der rechten Seite: Blog Augenzeuge berichtet):

    http://www.mainpost.de/lokales/franken/Franken;art1727,4468211

  5. inge

    wenn man den artikel der main-post liesst, wird klar, dass es wohl eine vorwarnung gegeben hat und das unglueck vermeidbar war. hatte doch bereits ein vorheriger ice einen aufprall mit notbremsung wohl wegen eines einzelnen schafs. dem ist, so scheint es, nicht weiter nachgegangen worden. ich stelle mir gerade vor, dass das zugpersonal und die passagiere die gegend beim ersten vorfall nach weiteren tieren (ein schaf kommt selten allein) abgesucht haetten (erboste fahrgaeste schimpfen auf den zugfuehrer – wegen der verspaetung „und schafe suchen mussten wir auch noch“), und zusaetzlich haette die db einen schienenueberwachtrupp losgeschickt und die schafe gesehen und weggetrieben. was waere dann die schlagzeile gewesen? „zugunglueck verhindert?“ „schafherde vor dem sicheren tod gerettet?“ der zugfuehrer haetten wahrscheinlich nicht einmal vom deutschen schafzuechtervereine ein dankeschoen bekommen.
    der zugfuehrer waere ein richtiger kleiner jonas gewesen, ein miniprophet.

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