Polizeiabschiedsball im Stadion: The Police am Sonntag, 08.06.08, in der LTU-Arena in Düsseldorf – Kritik des (letzten?) Deutschlandkonzerts

Deutschland gewinnt 2:0 gegen Polen, „The Police“ spielen zeitgleich in rund 105 Minuten live ihre Greatest Hits – soweit keine Überraschungen in Deutschland…

Das Ersatzkonzert in Düsseldorf, LTU-Arena, vom Sonntag, 08.06.08, ist rum. Letztes Jahr am 13.10.07 musste das Konzert wegen einer Kehlkopfentzündung des Herrn Gordon Sumner alias „Sting“ abgesagt werden und wurde nun, ebenso wie Mannheim, nachgeholt.

Martina und ich haben uns dann schon einen Tag früher in der Nähe von Düsseldorf einquartiert (in Kaarst), Freunde besucht und sind dann entspannt mit der S-Bahn 78 vom Hauptbahnhof direkt bis vor die Arena gefahren. Wäre ganz toll gewesen, wenn nicht ausgerechnet unsere S-Bahn auf einer Kreuzung mit einem Auto kollidiert wäre, was aber auch nicht schlimm war, denn nach rund 20 Minuten hatten Polizei und Rettungskräfte das Gröbste erledigt und wir konnten umsteigen und weiterfahren, so dass wir pünktlich kurz vor 19:00 Uhr in der Arena waren. Listig war aber, dass man sich so bei der Rückfahrt mit der S-Bahn den Autostau Richtung Autobahn erspart hat…

Das Dach war leider trotz guten Wetters zugeklappt, und rund 45.000 zahlende Gäste (da kann Sting seinen Landsitz noch einmal rundvergolden lassen…) transpirieren, so dass wir schnell noch einmal zum Futterfassen die Halle verlassen haben, nachdem sich die Vorband „The Charlatans“, die doch früher mal eine leidlich bekannte englische Rave-Band war, in aktueller Form als Oasis-Abziehbild, allerdings ohne gute Songs, entpuppte. Oder waren wir einfach noch nicht „warm“?

Egal, mit Pommes/Currywurst im Bauch begaben wir uns um 20:00 Uhr zurück in die Arena, und pünktlich wie die Polizei fangen Sting, Copeland und Summers ca. 20.15 Uhr an.

Die Playlist beginnt (natürlich) mit „Message in a bottle“. Es wird schnörkellos, aber handwerklich überzeugend gerockt, Sting auf dem deutlich vernehmbaren, abgewetzten (Lieblings-?)Bass, Summers auf der roten Strat, Copeland an dem für ihn typischen individuellen Drumset.

Neues hinzugefügt wird hier nichts, der Sound ist gut, druckvoll und das Spiel differenziert, Sting ist etwas mehr Elder Gentleman als die Punkbürste 1978, singt tiefer, schaut versunken und selbstironisch-abgeklärt, Copeland trägt ein Stirnschweißband und braucht es bei der Maloche am Kit auch, Summers guckt konzentriert, ist sichtlich 62 und hat als Einziger ein klein Bäuchlein. Sting dagegen trägt figurbewusste Klamotten, in denen 90 % der Konzertbesucher wie eine Pellwurst auf Rädern aussehen würden.

Wer kann, kann eben….Und einen grauen Landlord-Bart!

Weiter geht es mit „Walking on the moon“, und im weiteren Verlauf des (etwas kurzen, aber Band und Publikum sind ja schon etwas älter, da kommt man ungern spät nach Haus!) Konzerts gibt es die Hit-Volldröhnung mit „Demolition man“, „Next to you“, „De do do do…“, „Every little thing…“, „Roxanne“ (nicht „Roxette“, wie ein Zuschauer in Richtung Ausgang meinte: „Bei Roxette hätte der Sting aber nich so gesungen wie früher…“), „Don`t stand so close to me“ (der Sting war ja auch mal Lehrer, und wenn er damals schon so T-Shirts getragen hat, kann man sich die „strong words in the staffroom“ schon vorstellen 😉 ), „Invisible sun“, „Wrapped around your finger“ und natürlich „Every breath you take“ (übrigens der EINZIGE Top-Ten-Hit der Band in Deutschland, worauf der WDR 2-Moderator in einer Special-Sendung ab 23:00 Uhr hinwies, Police waren damals eine Albumband).

Reihenfolge weiß ich nicht mehr, auch egal, es waren auch noch ein paar Stücke mehr, aber eben nur „Best of“, keine Sting-Solo-Stücke, kein Cover, kein unbekannteres oder experimentierfreudiges Albumstück, nichts Neues. Gefallen hätte mir z.B., mal „On any other day“ oder „Canary in a coalmine“ live zu hören. Oder eben die Hits mal anders. Wie das geht, lässt sich z.B. gut bei dem „Roxanne“-Cover von George Michael nachhören, oder eben auch bei Sting Solo.

So wurde die Publikumserwartung formidabel und solide bedient, es hat auch Spass gemacht, aber leider nicht mehr. Offenkundig gibt es auch keinen einzigen neuen Song. Schade, Sting kann es doch sonst noch. Und bei drei derart guten Musikern müsste doch nach 25 Jahren Pause genug Ideenmaterial rumliegen.

Stattdessen hatte man den Eindruck, als wenn es den Jungs zwar redlich Freude gemacht hat, dass sich noch 45.000 40-50-Jährige an sie und ihre besten Songs erinnern, dass es aber doch auch körperlich anstrengend war, dieses Set durchzustehen und es nun auch wieder gut ist. So soll ja auch im August das letzte Konzert ever in New York stattfinden und dann wieder Schluss sein.

Fazit: Schön, überhaupt mal Police live gesehen zu haben, denn das dürften die Wenigsten der Besucher zuvor schon mal erlebt haben. Nett auch, die alten Gassenhauer ansprechend und in guter Klangqualität dargeboten zu bekommen. Danke auch für den vollen Einsatz der Musiker in körperlicher Hinsicht, Präsenz habt ihr immer noch! Und das ohne jegliche Bühnenshow oder Specialeffekte, nur Licht und ein paar Videoleinwände. Auch die Chemie zwischen den Bandmitgliedern stimmte sichtlich:

Toll war auch, dass es keine Begleitmusiker gab und so mal wieder deutlich wurde, welch dichten Sound die drei Musici bei sichtlich spartanischer Besetzung (Gesang, Bass, E-Gitarre und Schlagzeug/Percussion) zu erzeugen in der Lage sind. Das ist auch gut so und besser als die offenkundig aufwendigen Konzerte der letzten Tour in den 80ern zu „Synchronicity“. Die Stärke von Police war immer das schroffe, reduzierte, aber differenzierte Klangbild kombiniert mit Stings Ausnahmestimme. Der hat heute Glück, dass er mit dieser Stimme nach wie vor ohne Anstrengung punkten kann, denn die originelleren MUSIKER waren und sind Copeland und Summers, die jeweils einen einzigartigen Sound geprägt hatten, ohne den Police nicht Police wäre.

Mich wundert nur, dass im Bandkonzept heute nicht mehr Variabilität zugelassen wird. Sting jazzt und soult ja immer mal wieder gerne mit kongenialen Partnern wie z.B. Gil Evans, Vinx, Branford Marsalis, Manu Katche oder Craig David. Warum jazzt Police nicht in dieser Dreierbesetzung? Das wäre doch mal toll, ein Jazz-Reggae-Wave Album mit Standards, oder Jamsessions. Ein bisserl kam das mal bei „Can`t stand losing you“ vor, und ein wenig durfte Copeland auf exotischem Schlagwerk engagiert herumhämmern. Bitte mehr davon! Oder ist Police anlässlich der Reunion aufgefallen, dass sie einfach Rockmusik gemacht haben und das eben knallen muss? Und die Weiterentwicklung nur zum Preis der Abwendung des Massenpublikums zu machen gewesen wäre? Und dann erinnert man sich noch einmal mit Schweiß und Spucke an die wilde Rockzeit, schaut aber altersmilde selbst auf das eigene Frühwerk?

Also, liebe Polizei, vielen Dank (auch dafür übrigens, dass man ganz offiziell mit der eigenen Digitalkamera Fotos vom Konzert machen durfte) und Applaus, falls euch aber der Hafer mal wieder juckt: Für über 100,- Euro Tribüneneintritt würde ich mir das nächste Mal wenigstens 2 Stunden Konzert mit ein paar neuen Sachen oder gutem Gejamme und keine Greatest-Hits-Wohlfühl-Veranstaltung wünschen. Das kann ich mit DVD zu Hause bequemer haben und muss mich danach nicht wie Vieh in eine S-Bahn mit transpirierenden Altersgenossen quetschen lassen.

Ach ja, das Deutschlandspiel: Davon war während des Konzerts nichts zu sehen, aber man war informiert: Sting selbst gab von der Bühne bekannt:“ Germany one point, Poland zero“ (nach dem Grand Prix Eurovision, oder wie dieser Gesangsnudelwettstreit mit osteuropäischem Vorteil jetzt immer heißt, ganz ungewohnte Töne), und überall wurden die Leute per SMS über den aktuellen Stand informiert. Glücklicherweise wartete somit auch die deutsche Nationalmannschaft nicht mit Überraschungen auf, sondern brillierte auch mit solider Technik und begnadetem Frontmann im eifrigen Erfüllen der Erwartungshaltung.

Wer noch andere Police-Kritiken lesen will: Die Westdeutsche war auch da:

http://www.wz-newsline.de/index.php?redid=250843

Und die WAZ auch:

http://www.derwesten.de/nachrichten/panorama/2008/6/9/news-54325110/detail.html

Oder ein anderer Blogger mit Blues über die Zeitläufte gefällig?

http://www.hdschellnack.de/?p=2751

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Musik, The Police

3 Antworten zu “Polizeiabschiedsball im Stadion: The Police am Sonntag, 08.06.08, in der LTU-Arena in Düsseldorf – Kritik des (letzten?) Deutschlandkonzerts

  1. Danke für diese Musikkritik! Mit Sting und The Police verbinde ich immer die ca. fünf Jahre, in denen mein ältester Sohn Bass und mein zweiter Sohn Schlagzeug lernte: nämlich hauptsächlich mit den erwähnten Songs. Täglich. Trotzdem und erstaunlicherweise ist mir das Repertoire dieser Männer nie leid geworden – ich höre sie nach wie vor sehr gerne.

  2. Schöne Kritik! Aber – „Das wäre doch mal toll, ein Jazz-Reggae-Wave Album mit Standards, oder Jamsessions.“ – Das wäre, glaube ich, mein ultimativer Albtraum… 🙂

  3. wessnet

    @Susi: Die Songs von Police sind sicherlich gutes Übungsmaterial für angehende Schlagzeuger und Bassisten. Ich habe auch noch ein altes Songbook und hatte mit der E-Gitarre die Songs nachgeschrammelt, da macht „Message in a bottle“ am meisten Freude

    @Toby: Danke für die Blumen. Vielleicht würde noch etwas Klassik, vermengt mit Hardcore-Punk, die Melange aus Jazz, Reggae und Wave schmackhaft machen?
    Aber Spaß beiseite: Das war ehrlich gesagt eine etwas unbeholfene Beschreibung. Ich meinte ein Album in Minimalbesetzung, puristisch von den Sounds, aber verspielt in der Ausführung. Oder ist das gerade dein persönliches Horrorprogramm?
    Ich kann mich da oft nicht so richtig erscheinen: Zuweilen stehe ich auf Purismus a la „Der Mann und seine Gitarre“ (Cash, früher Dylan,Jonathan Richman, Woody Guthrie und so), dann überfällt mich der Wunsch, Gentle Giant oder The Mars Volta zu hören. Von daher gesehen wäre MEIN Albtraum ein neues Policealbum mit 10 x so etwas wie „Every breath you take“ und Keyboards…

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