Was empfindet Meister Eckhart in der Stille?

“ Und auch dies müßt ihr wissen, daß sie [die Seele] innen ledig und frei ist von allem Vermittelnden und von allen Bildern.“

„Gott wirkt in der Seele ohne alle Vermittlung, ohne Bilder oder Gleichnisse, ja, in dem Grunde, wo nie ein Bild hineingelangte, außer er selbst mit seinem eigenen Sein.“

„Seht, Gott der Vater hat ein vollkommenes Hineinschauen in sich selbst und ein abgründiges Hindurcherkennen seiner selbst, [und zwar] durch sich selbst, nicht durch irgendein Bild.“

„Seht, in derselben Weise und in keiner anderen gebiert der Vater seinen Sohn im Grunde der Seele und in ihrem Sein und einigt sich so mit ihr.“

(aus: Meister Eckhart/Deutsche Predigten, Predigt 101, Manesse Verlag, 1999)

Worum geht es Meister Eckhart, dem deutschen Theologen (und Mystiker?), hier? Um Geburt. Um die ewige Geburt.

Ein interessanter Ansatz, der manche Bibelstelle in einem anderen Licht erscheinen lässt, als man es sich vielleicht vorgestellt (oder gar nicht genau darüber nachgedacht) hat.

Doch wir sehen betroffen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen.

– Was bedeutet „Christus in mir“, wie Major Thomas es immer gelehrt hat, ganz praktisch?

– WARUM gehe ich in die Stille?

– Wie stellt sich vor dieser Erfahrung die Trinität dar?

– Geht es um Kommunikation mit Gott – oder um Vereinigung „in dem Grunde“?

– Was bewirkt es, sich dem auszusetzen?

25 Kommentare

Eingeordnet unter Kontemplation

25 Antworten zu “Was empfindet Meister Eckhart in der Stille?

  1. Mmmhm, spannendes Thema, das mich auch seit langem immer wieder beschäftigt, der Weg der contemplatio, hinein in die unio mystica, die Vereinigung mit Gott. Wobei das natürlich bei den Mystikern grenzwertig ist, weil es manchmal den Unterschied zwischen Gott und Mensch nicht nur fast aufhebt. Aber vielleicht brauchen wir diese Denke heute mehr (siehe Rahners Bemerkung zum Mystiker des 21. Jahrhunderts). Mir scheint, als wenn Gott auch von nicht wenigen Christen als entfernt wahrgenommen wird. Dabei bietet gerade das Johannesevangelium doch schon eine ziemliche Annäherung an diese Gedankenwelt, gerade das hohepriesterliche Gebet…

  2. inge

    wenn du sie nicht schon kennst: schau dir mal die website von willigis jäger an. als ich sie vor kurzem gefunden hatte, schwante mir auch was.
    insbesondere sein begriff von „auferstehung“ hat mich neugierig gemacht, weil ich zum erstenmal eine erklärung für „auferstehung“ gelesen habe, die mich nicht von vorneherein abstösst und mir unmöglich erscheint.

  3. Interessant! Mit der Frage „Kommunikation oder Vereinigung“ hast du so ziemlich die These von einem Tübinger Prof hier getroffen. Der sagt: Weil Gott in sich (innertrinitarisch) kommuniziert, deshalb ist unsere Beziehung zu ihm auch kommunikativ, nicht vereinigend. Er bleibt ganz Gott, wir ganz Geschöpf, aber eben in Kommunikation.

  4. wessnet

    @Wegbegleiter

    Willkommen auf diesem Blog und danke für deinen Kommentar. Mein „Problem“ ist derzeit auch die Trennlinie zwischen „den Unterschied aufheben“ und die Erfahrung der „Vereinigung“.

    Den Unterschied aufheben – das würde aus meiner Sicht zu weit gehen. Nicht nur im Lichte biblischer Aussagen, sondern auch vor meiner eigenen Erfahrung. Ich erlebe es so, dass Gott sich den Luxus der Schaffung zahlloser Individuen geleistet hat, die IHM nachgebildet, aber nicht ER sind. Versteht man die Mystiker richtig, wenn sie die Vereinigung – überbetonen?

    @Alex: Interessant, kannst du das etwas näher ausführen? Vielleicht ein eigener Post bei dir? Schau doch auch mal auf die Seite von Markus Grimm und die Diskussion zu neuem Bewußtsein.

    @Inge

    Bei Willigis Jäger habe ich Nachholbedarf: Er lebt und lehrt in der Nähe von Würzburg. Ich kenne aber kaum Schriften von ihm. Er sieht nett und weise aus, das Einkehrhaus (?) in Holzkirchen bei Würzburg hatte auf mich bislang einen irritierenden Eindruck gemacht: Im Inneren mischen sich christliche mit fernöstlichen Symbolen, die Buchhandlung im Hause führt lustig nebeneinander (eher kritische) Bücher aus dem katholischen Bereich, ZEN und Esoterik, dazu passendes Zubehör (Gongs, Matten, Figuren, Räucherstäbchen, Kruzifixe).

    Ich weiß nicht so recht, was er will, WIE er Christentum mit ZEN vermählt. Das gibt es ja schon länger, z.B. Meditation als Weg zu Gott, eine solche Gruppe gab es z.B. schon in der khg Würzburg, in der ich mal aktiv war (in der khg, NICHT in der Meditationsgruppe). Da ich gläubiger Christ bin, d.h. für mich Jesus „angenommen“ habe, an das Evangelium glaube, mit Jesus leben will, frage ich mich stets: Führt mich da etwas hin zu Jesus, zu Gott, oder lade ich meinem Leben etwas auf, was nett aussieht, aber innen hohl ist? JEDER Weg, der wirklich zu Gott führt, ist mir abseits aller konfessionellen Scheinschranken willkommen, aber nicht die Beliebigkeit.

    Noch einmal: Ich kenne Willigis Jäger nicht und habe kaum was von ihm gelsen. Kann mir jemand aushelfen? Markus vielleicht? Yotin?

  5. ich habe willigis jäger nur einmal in einem vortrag gehört. und ich denke, dass er gegen etwas kämpft, was sich seit einem postmodernen lebensgefühl erübrigt hat.

    ich denke alex‘ prof hat das doch auf den punkt gebracht. ist nachvollziehbar.

    aber warum dürfen meditierende und mystiker nicht etwas erfahren, was nicht in der bibel oder im katechismus steht?

  6. wessnet

    @Yotin: Gracias. Stimmt, die These von Alex‘ Prof. finde ich auch einleuchtend, würde aber gerne mehr davon erfahren.

    Hat dir denn die Lehre von Willigis Jäger gefallen?

    Meditierende und Mystiker dürfen natürlich Alles erfahren. Oder genauer: Wenn ich etwas erfahre, erfahre ich es eben. Und dann beginnt die Frage, was ich damit anfange, was ich erfahren habe. Die Erfahrung einer „Vereinigung“ z.B. muss nicht bedeuten, dass sich nicht zwei Individuen begegnen.

    Geht der Kontemplative eigentlich in die Einsamkeit, weil er weiß, dass er Individuum ist und die tiefste Verbindung diejenige mit Gott in der Einsamkeit, im „tiefen Grund“ ist, wie Markus es vielleicht ausdrücken würde? Habe gerade deinen neuesten Post gelesen, das hört sich so an. Und vor ein paar Tagen hatte ich ein nettes Gespräch mit einem kontemplativen Christen, der so verzückt von der Erfahrung in der Einsamkeit war, dass er sich bewusst aus ihr losreissen wollte, um dort nicht abzutauchen. So eine Art Nahtoderfahrung mitten im Leben…

  7. @yotin
    Willigis Jäger ist ja auch kein Vorträger. Als Vorträger kann auch er nur Worte machen, und die sind nicht unbedingt originell. Er ist Zen-Meister, das ist sein Charisma. Daran sollte man ihn messen.

    Alex schreibt: „Weil Gott in sich (innertrinitarisch) kommuniziert, deshalb ist unsere Beziehung zu ihm auch kommunikativ, nicht vereinigend. Er bleibt ganz Gott, wir ganz Geschöpf, aber eben in Kommunikation.“
    Das ist eine theologische Redefigur, die sich selber auslöscht. Ähnlich wie: das Reich Gottes ist unter uns – aber noch nicht ganz verwirklicht. Stimmt aber nicht: Was hier stattfindet, ist das sich verwirklichende Reich Gottes. Wozu der Dualismus? Glaubt wer, dass es neben oder außer Gott noch etwas geben könnte? Gegenkräfte, Teufel, Menschen? Wenn wir getrennt wären, wären wir gar nicht am Leben. Und warum diese Redefiguren? Weil die Mauer zwischen Gott und Geschöpf um jeden Preis stehen bleiben muss. Aber sie steht nur in meinem Kopf. Was ist schlimm daran, Gott zu sein? Und jetzt bemühen wir mal nicht die Mystiker: Genau das ist Jesus, nicht wahr? Ich und der Vater sind eins. Und ist er nicht Sohn Gottes und sind die Menschen nicht Kinder Gottes? Ist er nicht Mensch geworden, damit wir zu Kindern Gottes werden. Die Kirchenväter sagen: Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde. Warum nimmt das eigentlich keiner ernst, so direkt und einfach, wie es gesagt ist?

    Um es nochmal ganz einfach zu sagen: Es gibt keine Trennung zwischen Gott und Schöpfung. Gibt es nicht. Gab es noch nie. Wird es nie geben. Die mystische Erfahrung bringt nichts Neues hervor, sie ist die Erfahrung dessen, was einfach IST.

    Nur wer stirbt, bevor er stirbt, stirbt nicht, wenn er stirbt. So ähnlich sagt es Böhme.
    Bevor du es schmeckst, ist alles nur tönendes Erz und lärmende Pauke. So ähnlich sagt es Paulus.

    Wie schmeckt ES?

  8. „das, was uns wirklich von gott trennt, ist dass wir bloss denken, wir sind von gott getrennt.“

    das notierte ich mal im sommer.

    im heutigen blogeintrag scheine ich wohl wieder für nicht-identisches zu sprechen.

    beide erfahrungen sind möglich und wirklich.

  9. ach ja, markus: nichts für ungut. möchte p. jäger nicht auf den schlips treten. vielleicht sollte einfach mal mit ihm sitzen.

    muss unbedingt in deinem blog stöbern. da ist eine grosse sympathie. mich erinnert das ganz stark an solche einträge von mir:

    http://bit.ly/SqWn

    http://bit.ly/pqXo

    http://bit.ly/xUNq

    genug jetzt. ich bin auch kein vortragender.

  10. Susi

    Ich greife mal Zitate von Markus auf: „Was ist schlimm daran, Gott zu sein?“; „…und sind nicht die Menschen Kinder Gottes?“
    Obwohl Jesus und Gott der Vater eins sind, gibt es meiner Meinung nach doch einen feinen Unterschied für uns Menschen. Ich habe mal in mein Tagebuch notiert: „Stolz ist so sein zu wollen wie Gott. Demut ist, so sein zu wollen wie Jesus.“ Denn Gott sein zu wollen ohne Gott hat uns Menschen ja ins Unglück gestürzt. Jesus dagegen hat uns vorgelebt, was es bedeutet, mit Gott auf eine Weise verbunden zu sein, dass gar kein Unterschied zwischen Vater und Sohn mehr zu erkennen ist („Wer mich sieht, der sieht den Vater“). Dazu sind wir auch aufgerufen, und das ist kein leichter Weg und hat nur punktuell etwas mit Kontemplation zu tun, sondern vor allem auch mit Willen, Herzenshaltung, Wort und Tat.

  11. Huhu, hier bin ich wieder und ich sprech jetzt mal als ehemaliger Buddhist. Meines Erachtens ist ZEN nicht vereinbar mit dem christlichen Glauben. Vermeintliche Parallelen ergeben sich im Bereich der Meditationstechniken, aber die Grunddogmatik (was schon für ZEN ein seltsamer Begriff wäre) ist einfach eine gänzlich andere. Was dabei herauskommt, ist meines Erachtens leider und unvermeidlich eine Mogelpackung. Es bleibt dabei: für den Buddhismus ist Gott ein störendes Konstrukt, dass wie alle Vorstellungen überwunden werden muss, um zur Leere zu gelangen. Das Leerwerden an für sich gerade durch das Sitzen ist das Ziel – das Ziel christlicher Meditation, wie wir sie bei den mystischen Meistern finden ist aber Begegnung und Füllung durch einen personalen Gott. Auch das Freiwerden von Begehren ist nicht das Ziel des christlichen Glaubens – sondern die Ausrichtung des Begehrens auf den personalen Gott. Sorry, aber der Pragmatismus, mit dem manchmal ZEN und Christentum gemischt werden, ist für mich als ehemaliger Insider nicht nachvollziehbar. Dazu ist mir saubere Theologie und vor allem ein heilsames Gottesbild zu wichtig. Mann kann voneinander lernen, man soll und muss miteinander reden, aber die Grenzen sind für mich klar. Und Jesus bleibt der Stein des Anstoßes…

  12. wessnet

    @Susi: Gute Aspekte, vielen Dank für deinen Kommentar.

    Ich glaube allerdings nicht, dass Markus, den ich persönlich kenne, „Gott sein will“, wie man das einem Größenwahnsinnigen vorwerfen könnte, sondern ihm geht es wohl mehr um die Erfahrung einer „Einheit“. Oder, Markus?

    @Wegbegleiter: Du warst mal Buddhist? Das ist ja interessant, dann sprichst du ja aus eigener Erfahrung.

    Dass der „personale Gott“ ein Stein des Anstoßes ist, ist wohl gut beobachtet. Da sind wir auch wieder beim Thema persönliche Erfahrung: Ich erlebe ganz praktisch Jesus Christus auch personal und nicht als Teil meiner selbst.

    Mich interessiert allerdings sehr, welche Erfahrungen Kontemplative/Mystiker/Zen-Praktizierende wirklich selbst machen. Vielleicht ist ein Teil meines spirituellen Lebens Projektion?

    Befriedigt doch mal meine Neugierde, liebe Kontemplative (wobei Neugierde auch nicht gerade eine christliche Tugend ist ;- ) , nennen wir es daher doch mal Offenheit für Horizonterweiterung)

  13. Susi

    @ Thorsten: Das lag mir ferne, den mir unbekannten Markus zu verdächtigen, er wolle wie Gott sein. Ich wollte nur ausdrücken, wie man auch jenseits von Kontemplation „mit Gott eins“ werden kann, wenn man sich nämlich eins mit seiner Liebe, seinem Wesen und seinem Willen macht, so wie Jesus es tat – und das hat ja durchaus auch eine Gefühlsebene.
    Damit ist natürlich deine eigentliche Frage nach Kontemplation nicht beantwortet, es war halt ein Nebengedanke.

  14. wessnet

    @Susi: Stimmt, sorry, ich hatte deinen Kommentar zu schnell gelesen, und bei mir war nur das mit dem „Gott sein wollen“ hängen geblieben.

    So ein Nebengedanke ist das gar nicht. Trotz personaler Trennung, also der Existenz der Person Gottes und der Person Mensch, gibt es die Möglichkeit eines Einswerdens.

    Mal ganz ehrlich: Das ist doch für uns alle zu hoch, oder? An anderer Stelle hat Markus einmal darauf hingewiesen, dass es weniger um Wahrheit als um Relevanz geht.

    Ich versuche die Diskussion an diesem Punkt mal etwas runterzubringen: Was ist denn RELEVANT? Erspart mir ein „mystisches Vereinigungserlebnis“ in der Kontemplation die Annäherung an Gottes Willen in meinem schnöden Alltag? Läuft dann alles wie am Schnürchen? Und an die Mystikkritiker: Wie oft strebt ihr wirklich danach, Gottes Willen für euren Alltag zu erforschen? Seid ihr mit euren „Methoden“ zufrieden?

    Noch einmal zu Zen: Zen stammt aus einer Tradition und hat gewiss einen Ansatz, der mit der Zielrichtung christlicher Kontemplation nicht zwingend übereinstimmen muss. Aber kann man denn nicht Zen-Methoden benutzen, um das (christliche) Ziel der Gottesbegegnung zu erreichen? Mal provokant ausgedrückt: Paulus hat auch methodische Ansätze griechischer Philosophen benutzt, um das Evangelium zu erklären. Und Thomas von Aquin… und und und. Den Griechen ein Grieche werden? Und dabei Christus im Zentrum haben, natürlich.

  15. Tja. Ich finde immer, eine Weltanschauung zu fleddern, sich methodische Ansätze heraus zu nehmen und den Unterbau zu schlabbern, ist vielleicht postmodern ok, aber angemessen? Dafür habe ich bei aller Kritik zu viel Respekt und Liebe gegenüber dem Buddhismus. Auch die griechisch philosophische Umdeutung des NT ab dem 2. Jahrhundert ist ja bestens erforscht und gerade ihre Hinterfragung schenkt uns doch neue Einsichten in den biblischen Urgrund…
    Klar ist: ZEN betont nicht die Lehre, denn die ist eh schon da. ZEN betont die Praxis. Sprich den Weg. Und da ist man sich eigentlich einig: zur Überwindung erster kleiner Hindernisse benötigt es bereits Jahre des Sitzens. Dazu einen Lehrer, den Roshi, der wie in allen späten Formen des Buddhismus dringend benötigt wird und der eine Menge weitergibt. Und schließlich „bewerten“ muss, ob sein Schüler vorankommt (im Nachsinnen über die Koans). ZEN lehrt die Achtsamkeit im Augenblick und das ist natürlich sehr zeitgemäß und findet sich ja auch biblisch wieder. Aber trotz allem: der Weg im ZEN ist ein weiter, schwerer, die Ziele sind gänzlich andere und ich erlebe einfach zu sehr in Beschäftigung mit den westlichen Buddhismus Angeboten, dass hier eine Weichspül-Version angeboten wird, die mit dem Leben eines modernen Menschen vereinbar sein soll. Wer aber ZEN in seinen Ursprüngen kennt, weiß: der Rückzug ist Programm. Und das erzähl mal einem Familienvater. Oder einem Rechtsanwalt…;-)
    Klar ist: alle Religionen haben Schnittmengen in ihrer Spiritualität. Und so finden sich eben in der christlichen Mystik ähnliche Wege. Mich begeistern dabei immer wieder Thomas Keatings „Gebet der Sammlung“ oder Franz Jalics kontemplative Exerzitien.

  16. wessnet

    @Wegbegleiter: Ich sehe schon, da hat sich jemand reinvertieft.

    Rückzug als Programm klingt im ersten Moment, GERADE für den notorisch gestressten Rechtsanwalt, allerdings sehr verlockend 😉 Ein Familienpapi, der ich leider (noch?) nicht selbst bin, hat mir kürzlich aber genau das Problem geschildert: Kontemplation UND ein neugieriges, aktives süßes Kleinkind in der Wohnung: Zwei Welten.

    Jetzt räume ich aber mal ein: Ich bin nur ein kleiner, evangelikal geprägter Kinogelegenheitsprediger mit Wurzeln in der katholischen Kirche und Navigatorenbackground, bin weder Kontemplativer noch ZEN-Schüler und habe leider auch nicht, ach, Theologie studiert. Ich bin nur neugierig und Jesusanhänger.

    Also mal ran, liebe Kontemplative und ZENISTEN, was denkt ihr? Ich duck mich mal schamhaft und mache euch Platz, gespannt auf eure Erfahrungen und Meinungen zum Thema.

    Keating? Muss ich mir auch mal ansehen!

  17. Lieber Thorsten, du musst dich aber mal fragen, wozu du eigentlich worauf gespannt bist. Erfahrungen anderer sind doch irrelevant für dich, nicht wahr?

    Wegbegleiter, ich widerspreche dir mehrfach und deutlich. „Weltanschauungen fleddern“ – hm, was bitte ist eine Weltanschauung in der Nachpostmoderne? Eklektizismus ist gesunder Trotz gegen Absolutheitsansprüche irgendwelcher ideologischer Systeme. Bitte munter weiterfleddern! Warum denn nicht? Weltanschauungen sind doch bloße Hirngebilde. Prüfet alles, das Gute behaltet.
    Dann: „Der Rückzug ist Programm“ – ja, das mag für die monastische Herkunft des Zen gelten, aber was juckt das mich? Was folgt aus der Tatsache, dass Jesus Jude war? Dass Judesein Programm ist?
    Weiter: „Zur Überwindung erster kleiner Hindernisse benötigt es bereits Jahre des Sitzens.“ Nein, das tut es nicht. Das kann so sein, muss aber nicht. Die Realisierung der Wesensnatur kann in jedem beliebigen Augenblick erfolgen, nach Jahren oder im ersten Sesshin. Wer sich auf Jahre des Sitzens einstellt, dem wird diese Einstellung zum Hindernis – und dann werden es Jahre. Zen ist ein Spiel ohne Regeln, das ist das Besondere. Erst wenn man das erkennt, kann man es spielen. Dann wenn man es nicht mehr braucht.

  18. Nur so als Randbemerkung: ich komm auch aus der katholischen Kirche und habe Navigatorenbackground (TH Aachen) – sehr lustig. Aber offtopic. Bin weg.

  19. wessnet

    Lieber Markus,

    wie immer eine gute Frage.

    Mmmh, irrelevant? Ich musste kurz schmunzeln, denn eines stimmt: Der gemeine Evangelikale hat ein ziemlich festes Gebäude, da er seinen „festen Grund“ an Jesus fest macht. Einen festen Grund schmeißt man nicht alle 3 Tage um, dann wäre man ein Windvögelchen.
    Mag also sein, dass man so rüberkommt, als ob man eh unbelehrbar sei. Meinst du das so?
    Der zweite Vorwurf, dem man einem „Überzeugten“ machen kann, ist der, Spaß am Rechthaben zu entwickeln, nicht ergebnisoffen in eine Diskussion zu gehen, sondern mit Siegerwillen.

    Bin ich schon so weit? Ich hoffe nicht, denn mein Anspruch an mich selbst ist, Fragen immer zuzulassen. Und eigentlich waren es immer ERFAHRUNGEN anderer, die ein erster Anstoß für mich waren, mich selbst auf etwas Unbekanntes, Neues einzulassen. Erfahrungen interessieren mich daher wirklich, weil ich gerne wissen möchte, wie es Anderen mit „ihrem“ Weg geht.

    Deswegen noch einmal mein Aufruf: Gebt doch mal ein paar persönliche Erfahrungen mit Kontemplation weiter. Vielleicht entdeckt man Gemeinsamkeiten, vielleicht interessante Unterschiede.

  20. „Und eigentlich waren es immer ERFAHRUNGEN anderer, die ein erster Anstoß für mich waren, mich selbst auf etwas Unbekanntes, Neues einzulassen.“ Ja, das ist wunderbar. Ich habe auch ein Buch über Zen nach dem anderen verschlungen, und wenn du unbedingt Erfahrungen anderer haben möchtest, dann gibt es für dich wirklich genug Bücher.
    Mit den Erfahrungen der anderen wollte ich meine eigene mangelnde Erfahrung kompensieren, mit dem Gefühl, dass ich doch etwas wisse. Das ist ganz natürlich. Aber es gilt: Die Erfahrung anderer war der Weg, die Erfahrung anderer ist das Hindernis (so ähnlich formuliert Sri Aurobindo). Das soll heißen: Man ist hierher gelangt, weil andere, anderes einen angestoßen hat. Aber von hier ab wird der Anstoß zur Kette am Bein. Das gilt für so ziemlich alles auf dem spirituellen Weg, es gilt für das Leben selbst und zuletzt sogar für die Hoffnung (vgl. Jesus im Garten Gethsemani oder am Kreuz). Auch die Hoffnung, etwas zu erkennen, Gott zu begegnen, den Seinsgrund zu erfahren, auch diese Hoffnung muss losgelassen werden, denn am Ende hindert sie dich. Es ist wie mit einem Boot, das dich über den Fluss bringt. Dafür ist es da und unglaublich nützlich. Aber am anderen Ufer nützt es nichts mehr, im Gegenteil. Der Witz ist nun der, dass du immer schon am anderen Ufer BIST, du hast es nur noch nicht gemerkt. Paragate – hinübergegangen. Oder, anderes Bild: Du bist immer schon zu Hause angekommen. Weil es nichts anderes gibt als dein Zuhause. Weil der Kosmos dein ureigenstes Element ist. Weil du immer schon Gottes Kind bist und Jesu Bruder. Nichts hat daran jemals etwas geändert. Erinnerst du dich an das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder barmherzigen Vater? Der Sohn fasst den Plan, zum Vater zu sagen, er sei nicht mehr wert, sein Sohn zu heißen. Aber nicht nur, dass der Vater seinen Sohn gar nicht erst Reue zeigen lässt, bevor er ihn umarmt und küsst. Es ist auch Unsinn, was der Sohn da sagen will. Gewiss, er hat das Gefühl der Unwürdigkeit, das Gefühl, getrennt zu sein vom Vater, aber es ist nur sein Gefühl. An seinem Wesen, seinem Sohnsein ändert das Gefühl rein gar nichts.

    Die Erfahrung ist ganz einfach. Sie ist zweifelsfrei. Es ist die Erfahrung der Wirklichkeit. Der Buddha unter dem Bodhibaum wird beim Anblick des verblassenden Morgensterns erleuchtet und ruft: „Oh Wunder über Wunder! Ich und der Kosmos sind eins.“

    Du musst mit jeder Faser deines Körpers, mit deinem ganzen Herzen, mit ganzer Seele und mit mit deiner ganzen Kraft die Antwort finden auf die Frage: WER BIN ICH? Und du darfst dich mit keiner Antwort zufrieden geben, mit keiner einzigen! Widersprich allem, was sich dir anbietet, glaube gar nichts. Dann wird sich die Lösung einstellen. Du wirst sie erkennen an deiner unendlichen Freude und daran, dass keine Frage mehr existiert.

  21. wessnet

    Das hört sich erst einmal sehr gut an, vor allem die letzten zwei Sätze.

    Ich bekenne: Ich habe keine „unendliche Freude“, dafür unzählige Fragen.

    Was ich „habe“, ist ein Fundament und eine feste Beziehung. Das beste Fundament bringt natürlich nichts, wenn ich nicht darauf baue, und eine Beziehung heißt nicht, das ich alles über den anderen weiß oder immer glücklich bin. Ich muss schon wieder Jochen Distelmeyer zitieren, übertragen, denn er redet über menschliche Beziehungen: „Manchmal kann ich dich nicht ausstehn, manchmal ist es mir zu viel, doch nichts ist stärker als die Liebe, die ich fühl.“

    Und jetzt kommt sie natürlich, die Frage: Hast DU unendliche Freude, und existiert keine Frage mehr? Erfahrung oder Ideal?

  22. Unendliche Freude ist nichts, was man „haben“ kann. Du hast sie im Augenblick der Realisierung, dann vergeht sie wieder, so wie alles zyklischen Rhythmen unterworfen ist, auch die Realisierung der Wesensnatur. Nur die Wesensnatur selber nicht, die ist vollkommene Stille und ruhig strahlendes Licht.

    Erleuchtung ist kein Dauerzustand. Erleuchtung ist ein Blitz am nächtlichen Himmel. Plötzlich ist alles vollkommen klar und sichtbar, dann wieder dunkel. Aber wenn du den Blitz einmal erlebt hast, ändert sich alles, weil du weißt, dass es Blitze gibt und die Wirklichkeit. Oder, anderes Bild: Wenn du einmal aus dem Traum aufgewacht bist, weißt du, was Traum ist und was Wirklichkeit – auch wenn du danach tausendmal wieder einschläfst.

    Und natürlich habe ich Fragen. Ich weiß das meiste nicht, ich bin unsicher, suchend, verzweifelnd. Aber die Große Suche nach Gott oder Sinn oder wie auch immer, die ist ein für allemal vorbei. Das hat mit „glauben“ nichts zu tun, weder mit „Für-wahr-Halten“ noch mit „persönlichem Annehmen“. Es ist so ähnlich wie mit deiner schieren Existenz, die hat mit „glauben“ auch nichts zu tun.

  23. Na, dann hatte ich schon ein paar Mal ein ähnliches Erlebnis, einmal gepaart mit der Erfahrung einer charismatischen Gabe. Hatte aber andere Auswirkungen bei mir, die Sehnsucht geht weiter. Oder schließt Sehnsucht das Ende der Suche nicht aus?

  24. Sehnsucht? Mmmmh, vielleicht so?

    Nein, weniger nach der Taiga, sondern nach innerem Frieden, Glück, Geborgenheit, Wahrheit, nach echter, lebensverändernder Begegnung mit Gott. Das Universum und der ganze Rest halt…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s