Vicky Cristina Barcelona – Eine Sommernachtssexkomödie und viel Gaudi…

Wer nach diesem Film nicht die spontane Lust verspürt, nach Barcelona (und vor allem Oviedo) zu fliegen und dort im spanischen Sommer auf Gaudi-Entdeckungsreise zu gehen, Wein zu trinken, Fahrrad zu fahren und katalanisch zu essen, dessen Sehnsuchtsmotor läuft nicht mehr rund:

Woody Allen ist es nach geschätzen 15 Jahren noch einmal gelungen, einen wahrhaft großen Film zu drehen. Angefangen von der Ästhetik über die Schauplätze, die Musik, die Stimmung, die Besetzung, die Story und den Tiefgang stimmt hier alles. Allen scheint es sichtlich gut zu tun, in Europa zu drehen. Match Point war schon interessant, aber eher ein nettes Konstrukt. Vicky Cristina Barcelona ist ein Kunstwerk, ein bewegtes (Sitten-)Gemälde, eine Leinwandverführung.

Nun ja, wenn man nur die Story hört, könnte man denken, Allen und der Schreiber dieser Zeilen seien in unterschiedlichen Graden Altherrenphantasien verfallen: Es geht um zwei amerikanische Studentinnen, einen katalanischen Maler, seine paranoide Ex, einige weitere Randfiguren und deren amourös-sexuellen Beziehungen – übrigens so gut wie aller Protagonisten miteinander.

Eigentlich geht es aber, wie so oft bei Allen und auch in der realen Welt, nur oberflächlich um Sex, verdrängte Sexualität und Erotik, sondern um: Unerfüllte Sehnsüchte, Lebensentscheidungen, Verantwortung, Misanthropie, Beziehungen – und die Suche nach Liebe.

Genüsslich lässt Allen der angeblich ach so gefestigten Vicky ihr scheinbares Gleichgewicht entgleiten und entlarvt ihre selbstdiktierte Lebenslüge ebenso wie die egoistische Desorientiertheit der selbsternannt sinngesteuerten Cristina (verkörpert von Allens neuer Langzeitmuse Scarlett Johansson ). Die scheinbaren Leichtfüße Juan Antonio und Maria Elena entpuppen sich dagegen als hedonistische, aber ehrliche und liebevolle Menschen.

Juans Papa, ein misanthropischer poetischer Lustgreis, ist eine nur dezent kaschierte Alibifigur für den Stadtneurotiker mit Liebe für das altkulturelle Europa: Liebe, Gaudi, sattes Leben, Ehrlichkeit und Kunst im Kerzenschein und katalanischen Sommersonnenlicht. Amerika dagegen ist Wall Street, hässliches Tageslicht, Profit und Lacostehemden zu Chinos, Berechnung, Gefühlskastration und Kultur als Anlagegut.

Betroffen fliegen wir mit Vicky und Cristina heim und wissen: Wenn in unseren Herzen Barcelona wäre, bräuchte man dieses falsche Leben nicht. Nicht einmal sexuelle Freizügigkeit, sondern Liebe, Warmherzigkeit, Lebensfreude, Kultur – und natürlich Barcelona.

PS: Der Ausgewogenheit halber hier noch ein – kritischer – Post zum Film vom geschätzten Bloggerkollegen Thomas Matterne:

http://thomas-matterne.de/index.php?/archives/2272-Woody-Allens-Altherrenfantasien.html

2 Kommentare

Eingeordnet unter Film

2 Antworten zu “Vicky Cristina Barcelona – Eine Sommernachtssexkomödie und viel Gaudi…

  1. Ich bin ja ein alter Woody Allen-Fan und würde sagen, auch wenn ein ganz großer Film in den letzten Jahren Mangelware war, ein paar gute waren schon dabei, „Matchpoint“ zum Beispiel. Mal sehen was ich von dem Film halte, er steht bei mir am Dienstag ganz fest auf dem Plan.

  2. Na, da haben wir den Film ja sehr unterschiedlich aufgenommen. Vielleicht kann ich das in meinem Alter nicht mehr objektiv sehen 😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s