Mit 37 Jahren hört das Leben auf…

…könnte man denken, wenn man sich Beck ansieht.

Robert Beck, 37, Lehrer, mit Ambitionen auf die große Rockstarkarriere. Gerade solo, da müssen feuchte Schülerinnenfantasien und das Mädel aus dem Cafe um die Ecke herhalten. Heiraten und seriös werden will Beck aber auch gar nicht, es geht ihm mehr nach, dass er in diese bürgerliche Sicherheit gerutscht ist: Staatsjob, Wohnung mit Männerspielzeugen wie CDs, Filmen, fetter Ami-Kühlschrank mit Eiswürfelmacher. Tristesse Royal.

Aber da kreuzt plötzlich dieser Schüler auf, Rauli aus Litauen. Das ist nicht nur eines dieser Länder, die beim Grand Prix immer gewinnen, da sich diese Ostblockstaaten gegenseitig pushen, sondern dieses verhuschte Jüngelchen spielt auch noch Gitarre wie Hendrix, ne, noch besser als Hendrix.

Tja, und wenn das eigene Leben nicht langt, um sich diesen Rock`N`Roll-Wunschtraum zu erfüllen, dann könnte man es doch als Manager dieses Wunderknaben schaffen…

Soweit das Szenario des noch relativ neu erschienenen Romans „Becks letzter Sommer“ von Benedict Wells. Der Autor ist gerade mal 23 Jahre alt, war somit zu der Zeit, in der sein Roadmovie-Roman spielt, im zarten Teeniealter. Na ja, Lehrer lernt man da ja kennen. Musike macht der Autor zudem auch, er schwimmt somit nicht in unbekannten Gewässern.

Ist das ein gutes Buch, höre ich aus dem Unterbewusstsein einen älteren, glatzköpfigen Mann mit lustigem Akzent rufen? Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass ein paar hochwohlfeile Kritiker das Buch misslungen finden.

Euch Finsterraben rufe ich zu: Schreibt ihr Waldpfeifen doch mal mit 23 ein Buch, in dem zwar nicht jeder Satz nach Thomas Mann oder Joyce klingt, aber der angenehme Erinnerungen an Christian Kracht Junior, Irving und Salinger aufkommen lässt, aber weder gekünstelt, noch trivial daherkommt, sondern im besten Sinne natürlich:

Ich staune, was der junge Autor an Atmosphäre der späten 90er aufgenommen hat. Ich war damals auch Mitte 30 und fühle mich, so leid es mir tut, in Herrn Robert Beck ein wenig gespiegelt…

Noch ein Robert, nämlich Robert Zimmerman, spielt in diesem Buch eine Rolle: Die Kapitel sind nach Songs des alten Knarzebaden benannt, die Musik spielt zuweilen eine Rolle, und in einer Szene spricht Herr Zimmerman leibhaftig zum „Helden“:

„Sie sind hier, weil Sie keine Entscheidungen treffen. Und das ist schlecht. Denn wenn Sie es nicht tun, dann tut’s das Leben für Sie. Und das Leben trifft oft die schlechteren Entscheidungen, weil es Schwäche und Zögern bestraft. Die Welt ist für die Mutigen gemacht, der Rest schwimmt nur mit. Die Frage ist also: Sind sie wenigstens ein guter Schwimmer?“

Ist die Generation X eine „Lost Generation“? Ernst des Lebens verpasst oder zu spät aufgesprungen?

Das Leben ist keine Power-Rangers-Folge. Das Leben ist ein Roadmovie.

Wer weiß, wovon ich rede, dem empfehle ich dieses Buch.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Drucksachen

4 Antworten zu “Mit 37 Jahren hört das Leben auf…

  1. Anne

    In der Tat ein toller Debütroman, ein feines Buch, das mich über weite Strecken an John Irving erinnert hat…
    lustiger noch, dass ich einige Leute, die in der Danksagung des Autors vorkommen, mittlerweile persönlich kenne… auch Robert Becks alter ego 🙂 war doch Benedict Wells (unter anderem Namen…) Schüler bei uns… auch Rauli hat hier die Schulbank gedrückt… und so ist das Buch im Kollegium grad Pflichtlektüre und gerne mal Gesprächsthema am Mittagstisch…

  2. Da wird „Robert Beck“ wohl begeistert sein…

    Die Welt ist wahrlich klein.

    Als nächstes ist jetzt Firmin dran, hast du wohl schon gelesen, gelle?

  3. Anne

    Firmin, die Leseratte… jaja… ich fand die Aufmachung des Buches ja schon so charmant!

  4. Ja, das fand ich auch schön, und ich mag Ratten als „Hauptdarsteller“. Und dann noch eine Leseratte!

    Habe mir daher das Buch zu Weihnachten auf Wunsch schenken lassen und auch schon mal ein paar Seiten probegelesen, war dann aber noch nicht sooooo begeistert. Hoffentlich wird es besser, sonst muss ich Walter Moers bitten, das Thema nochmal aufzugreifen…

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