Benjamin Knöpfchen und der Kolibri der Hoffnung

Manche Menschen sind Tänzer, manche Mütter, manche Künstler, egal:

Es gibt den großen Gleichmacher: Der Tod, der am Ende des Lebens auf uns wartet. Im Krankenhausbett, im Altersheim auf dem Ohrensessel, im Wochenbett, kugeldurchbohrt auf dem Schlepper, auf dem Liegestuhl am Meer oder gar auf der Bühne einer Zeltevangelisation.

Der Tod ist allgegenwärtig und doch gut versteckt. Er ist das verdrängte Finale, das ungenannte Grauen, der einsame Schlusspunkt. Der Tod ist es aber auch, der uns den Wert der wirklich wichtigen Dinge vor Augen hält.

Diesen Sensenmannblues kennen wir alle, nur in der umgekehrten Reihenfolge, wie sie uns in dem Film «Der seltsame Fall des Benjamin Button» präsentiert wird:

Besagter Benjamin wird als Greis geboren, von seinem Vater als Monster wahrgenommen, und beginnt sein Leben als Findel“kind“ im Altersheim.

Wie schon die Sphinx wusste, haben hohes Alter und Babyzeit Parallelen und evtl. nur ein Bein Unterschied. Und ein Menschenleben hat IMMER einen unermesslichen Wert, wie ungewöhnlich der Mensch auch sein mag. Das ist gleich zu Anfang das große Ausrufezeichen des jüngsten Streifens von Regisseur David Fincher, der schon mit bemerkenswerten Leinwandexperimenten wie „Sieben“ und „Fight Club“ (einem meiner Lieblingsfilme) auffiehl und dem es mit diesem Film gelingt, Hollywood mit dem großen historischen Erzählkino zu vereinigen, Oskarregen berechtigt vorprogrammiert: Die Liebe der Pflegemutter Queenie ist es, in all ihrer geradezu naiven Frömmigkeit, die es ermöglicht, dass dieses Kind besonderer Art so gestärkt wird, dass es sein (rückwärtslaufendes) Leben bis zum Tod in ebensolcher Liebe und Hingabe an das Leben bewältigen kann.

Liebe ist es, die den Kindergreis und die junge Daisy vom ersten Augenblick an über alle konventionellen Grenzen hin verbindet.

Liebe öffnet Benjamin die Herzen zu einem Pygmäen, einem Schlepperkapitän, der eigentlich Künstler ist, zu vielen alten Menschen und zu seinen Kameraden auf einem Marineschiff. Sogar zu seinem Vater, der ihn erst aussetzte, hilflos vor diesem „Wunder, das man sich nicht wünscht“, sich dann später aber schuldbewusst und in Familientradition den Sohn als Nachfolger seiner Knopf(!)fabrik wünscht.

Durch seine ungewöhnliche Situation gereinigt widersteht der Sohn aber, den langweiligen, pflichtbewussten Weg alles Vergänglichen zu gehen und lebt bereits als alt-junger Mann das Leben, für das es sich zu leben lohnt: Das Leben in der Annahme des Lebens und mit dem Flügelschlag der Liebe.

Ein Kolibri ist nicht nur ein Vogel, sondern ein „verdammtes Wunder“. Das Leben ist unberechenbar und verwoben (die geniale Sequenz in Paris weiß davon ein unvergessliches Lied zu singen), aber es trägt ein Geheimnis in sich. Wer dieses Geheimnis erkennt, der versteht, auf was es im Leben ankommt. Der wird Leben in Fülle haben und wie ein Baby sterben, ohne zu sterben.

Lachen und Weinen (mit Flashbackgarantie, nicht auf die oberflächliche Art) ist garantiert. Nur viel Zeit sollte man mitnehmen, der Streifen in Sepiaoptik, der nebenbei auch noch eine Liebeserklärung an das Katrina-gebeutelte New Orleans ist, dauert fast drei Stunden. Aber was soll`s, wenn man im Leben Jahr für Jahr immer mehr aussieht wie der junge Brad Pitt 😉

PS: Der Film hat übrigens auch noch den besten Running Gag der Filmgeschichte zu bieten.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Benjamin Knöpfchen und der Kolibri der Hoffnung

  1. Habe ich auch gerade am WE mit meiner Tochter zusammen gesehen. Genial. Das Spiel mit dem Älter-/Jüngerwerden erinnerte mich ein wenig an Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, auch wenn es natürlich eine völlig andere Geschichte ist.

  2. Stimmt, da gibt es Ähnlichkeiten.

    Glückwunsch übrigens zu dem tollen Erlebnisbericht im „Aufatmen“. Bist eine gute Erzählerin, Hape Kerkeling sollte die Konkurrenz fürchten 😉

  3. An den „Meister“ kommt niemand ran, aber Danke!, das tut meiner oft selbstzweiflerischen Seele gut.

  4. Ich war von „Ich bin dann mal weg“ auch ganz begeistert und würde sehr, sehr gerne mal lange (und auch allein) pilgern.

    Zuweilen gehe ich mal im Allgäu, wo meine Frau ein Jahr als Lehrerin „stationiert“ war, auf Bergtour, am liebsten in den frühen Morgenstunden.

    Der Jakobsweg wäre eine interessante Belastungsprobe, nicht nur wegen dem Laufen, sondern gerade auch wegen widriger Umstände, wie sie dir auch entgegengeschlagen haben. Du warst ja ganz in unserer Nähe. Franken ist von seinen Witterungsbedingungen ganz gewiss die härtere Alternative, und dann noch die kulturellen Unterschiede („Grüß Gott“, die fränkische Mentalität, deftiges Essen usw.). Also, noch einmal: Dein Bericht liest sich sehr spannend, du kannst in einer Art und Weise erzählen, die auch einen 300 Seiten umfassenden Reisebericht tragen würde. Guter Stil, eine Prise Humor, viel Tiefgang. Gerne mehr davon! (Es gibt doch diese „Aufatmen“-Edition….)

  5. Danke, Thorsten. Ein zweiter Teil wird ja noch kommen, der einen noch stärkeren Schwerpunkt auf meine inneren Prozesse während der Tour legt.
    Mein Mann wird – vorausgesetzt, er kann sich drei bis vier Wochen Urlaub am Stück nehmen, was in seinem Job nicht einfach ist – im Juni den Jakobsweg in Spanien laufen. Allerdings nicht den Original-Camino, sondern die Alternativroute an der Küste entlang. Das ist zwar die deutlich härtere, weil steilere Variante, aber auch die ruhigere. „Entdeckungen in der Einsamkeit“ sind wohl leider vom Camino nicht mehr zu erwarten, seit Busladungen voller Touristen längs des Weges ausgekippt werden und die Zahl der Pilger so gestiegen ist.
    Gut, dass es so viele Möglichkeiten zum Pilgern gibt. Für mich war nicht das Ziel so wichtig, sondern das Unterwegssein. Und ich fand’s auch klasse, mal eine ganz andere Landschaft kennen zu lernen. B.-W. hat mir gut gefallen, und wenn das Wetter nicht gewesen wäre, hätte ich die abwechslungsreiche Landschaft sehr genossen.

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