Von einem, der auszog, das Grübeln zu verlernen

Wenn es etwas gibt, das ich gerne endgültig ablegen möchte, ist es das Grübeln.

Mein Beruf bringt es mit sich, Probleme von hinten nach vorn und wieder zurück zu überdenken, alle Möglichkeiten kritisch abzuwägen, an Hindernisse zu denken, die noch keiner bedacht hat, und dann eine Entscheidung zu treffen. Daran habe ich Freude, was äußerst hilfreich dazu ist, kompetent zu beraten.

Die Kehrseite der Medaille ist, mit jeglichen Problematiken, auch im privaten Bereich, so umzugehen. Der Gedanke kommt, ich erwäge, stelle Spekulationen an, die Gedanken kreisen und lassen sich irgendwann nicht mehr abstellen. Das nennt man dann wohl Grübeln.

Weise Exerzitienmeister wie Franz Jalics weisen berechtigt darauf hin, dass Gedanken und Gefühle, so man ihnen Raum gibt, Gift für die Seele und mein Verhältnis zu Gott sind. Gelernt werden will die reine, unverfälschte Wahrnehmung. Ich betrachte einen Baum, denke aber nicht an das Alter des Baumes oder das Waldsterben, sondern nehme den Baum nur wahr, wie er ist.

Wie sagt Jalics so schön: In der Ewigkeit werden wir nicht über Gott nachdenken, sondern ihn nur schauen. Das ist die reinste Form der Verbundenheit, Gott, die Mitmenschen und die Natur so zu nehmen, wie sie sind, in der reinen, unverfälschten Anschauung. Könnte es eine schönere „Erholung“ geben?

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Kontemplation, Leben lernen, Problem

8 Antworten zu “Von einem, der auszog, das Grübeln zu verlernen

  1. budgiebabe

    Und was du bei all der Grübelei nicht vergessen solltest – man bekommt da so Sorgenfalten im Gesicht, die einen ganz schön alt aussehen lassen.
    Du weiß ja, graue Schläfen lassen Männer sexy aussehen, aber Falten machen jeden Menschen alt! 😉 😛

  2. Wenn du das Grübeln ablegen willst, gibts nur eins: Leb das Grübeln ab. Wie? Indem du das Grübeln ablegst. Geht nicht? Stimmt. Deswegen taugen auch kontemplative Ratschläge so wenig, gell. Schöne Worte, „reine, unverfälschte Wahrnehmung“, stimmt ja auch – aber wie?

    Es gibt nur eine Lösung, und die ist weit einfacher als alle Ratschläge. Beobachte dein Grübeln, statt es ablegen zu wollen. Das kannst du nämlich nicht, wenn du das auch glauben oder hoffen magst, es geht nicht.

    Werde das Grübeln! Unterlass jeden Versuch, dich davon zu distanzieren, seiner Herr zu werden fahren, im leisesten Ansatz. Sei Grübeln, und du wirst merken: Im Inneren des Grübelns gibt es kein Grübeln mehr.

  3. @budgiebabe: Dann werde ich halt ein sexy Alter…

    @Markus: Das bringt mich jetzt ins Grübeln: Hört sich gut an, aber jetzt lese ich gerade mal wieder Jalics, nehme wahr und schaue an. Ist das nicht ähnlich zu deinem Vorschlag: Ich schaue auf das Grübeln, jetzt, in der Gegenwart, ohne Emotionen, ohne Zweck, ohne Analyse, einfach nur ruhig darauf schauen und sehen wie es ist?

    Mit Bäumen, Wasser oder einem Stein geht das aber erst einmal einfacher als mit – meinem Grübeln. Wie vermeide ich den Zirkelschluß? Wie werde ich Grübeln, ohne darüber zu grübeln?

    Manchmal denke ich, du hast von deiner (hohen 😉 ) Schauspielkunst gelernt, auch das Leben als Schauspiel zu begreifen, in dem Sinn, dass du in eine Figur schlüpfst, die du nicht bist und erlebst, dass du jetzt z.B. Schiller bist, aber ihn jederzeit wieder verlassen kannst. Nächste Stufe: Ich schlüpfe in mich selbst und erlebe, dass ich mich auch wieder selbst verlassen kann. Als Schauspieler kann ich mich auch dabei beobachten, wie ich spiele und dabei die Relativität der Story erkennen.

    So ungefähr?

    Ich würde auch gerne mal die Meinung eines „urbanen Kontemplativen“ dazu hören…

  4. Christoph

    ein urbaner kontemplativer bin ich – weiß gott – wohl eher nicht. leider. ein grübler auch nicht, eher ein verdränger zu schwieriger gedanken.
    mein beitrag: könnte die positive kehrseite des grübelns die phantasie und der ideenreichtum sein? oder wenn man dem grübeln so viel ehre nicht zugestehen will: könnte grübeln in phantasie verwandelt werden? sind die beiden verwandt?
    denn sollte thorsten tatsächlich ausziehn und erfolgreich das grübeln ablegen, und zurück bleibt ein mittvierziger, der nur noch über weißbier und die sportschau nachdenkt, wäre der welt ja eine quelle von lebendigkeit verloren gegangen, die ich nun irgendwie nicht missen möchte.
    wenn ein grüblerisches wesen in gewisser weise quelle von schöpferischer Kraft ist, gäbe es dann eine form „erlöster“ grübelei, die den grübler nicht im griff hat, sondern von ihm beherrscht wird?

  5. an Franz Jalics bin ich auch grad dran. kann da zu nur Mark Barrett „Crossing“ empfehlen!

  6. tatsächlich hält sich der grübel-abstinente eher in der welt des seins auf, als in der welt des machens. das bedeutet aber nicht, dass tote hose ist. der macher denkt halt, dass etwas geschieht, hänge wesentlich von seinem einsatz ab, während der bloss seiende/wahrnehmende der meinung ist: „alles gute, was geschehen kann, geschieht von selbst. meine überaktivität könnte da eher stören.“

    meine derzeitige meinung ist: grübeln wenn grübeln angesagt ist, nicht-grübeln, wenn nicht-grübeln angesagt ist.

  7. @ beisasse

    Sehr schön!

    Wie wär’s damit: Nicht-grübelnd grübeln.

  8. Mailin

    Wenn man alles gleich von Anfang an so wahrnehmen würde, wie es ist, gäbe es kaum noch Überraschungen, die eigenen Irrungen erkennen, das kann manchmal ganz heilsam sein, das macht Freude, wenn man erkennt, wie die Gedanken, Gefühle etc. mir mal wieder einen Streit gespielt haben. Mir ist beides wichtig und beides gleich wertvoll. So kann ich teils Kind bleiben und die Welt täglich neu entdecken, dass es garnicht so ist, wie ich immer gedacht habe und vermutlich ist es auch nicht so.

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