Monatsarchiv: September 2009

Vorbeigehen, beten – warum?

Ich ertappe mich in den letzten Tagen dabei, öfter an Leuten vorbeizugehen und für sie zu beten. Beispiele gefällig?

1. Der schwarze Prediger im Anzug mit der Bibel in der Hand, der seit einigen Wochen am Oberen Markt gegenüber vom Mc mit der Bibel in der Hand predigt.

Er spricht etwas gebrochenes Deutsch, bewegt sich viel, und ich erhasche Wortfetzen von „Jesus, Luzifer, Jerusalem, Hölle, Auferstehung, Sünde, verloren, gerettet“. Eine Schwarz/Weiß-Predigt gleich im mehrfachen Sinne: Gut oder Böse, Jesus oder Teufel, Himmel oder Hölle, und: Ein Schwarzer predigt den Weißen. Deutschland, das Missionsland. Stimmt natürlich.

Ich gehe vorbei. Und bete. Warum? Nun, ich will ihn nicht stören, denn die Botschaft ist natürlich im Kern richtig. Und da dürfen die Leute gerne zuhören und sich daran reiben. Und weil mir der Mitbruder etwas peinlich ist. Warum der Anzug? Warum so laut? Warum das Rumgeturne? Und wen spricht diese Art der Evangeliumsvermittlung von Herzen an, zumindest in einer Würzburger Fußgängerzone? Hätte er nicht mehr „Erfolg““, d.h. Menschen für Gott zu begeistern, wenn er private Gespräche führen, von seinem Leben berichten würde?

Ich weiß es nicht. Ich schäme mich ein bißchen, einmal, weil mir das peinlich für ihn ist, aber auch wegen meiner eigenen Laschheit. Würde ich mich auch für das Evangelium zum Affen machen?

2. Der leicht körperbehinderte Mann in der Information des Arbeitsgerichts.

War heute dort, um einen Schriftsatz abzugeben. Da saß er immer, ein freundlicher, aber auch etwas scheuer junger Mann, früher an der „Pforte“, später an dem Schreibtisch im neuen Inforaum, nach der Modernisierung.

Heute saß er da nicht mehr. Heute hang ein Bild mit einem Spruch an der Theke. Und einem Kreuz, hinter dem ein Datum im Juli stand. Ich habe nie länger mit ihm gesprochen, nur immer gegrüßt und zugenickt. Jetzt kann ich nicht mehr mit ihm sprechen.

Ich konnte nur noch beten.

3. Eine Nachbarin, die im Bademantel auf der Terrasse raucht und Kaffee trinkt.

Eigentlich immer, wenn man in der Küche steht, es schon später am Morgen ist und es nicht regnet. Sie raucht hektisch, sieht müde aus. Sonst ist immer alles zugezogen, der kleine Garten ist schmucklos. Ob sie alleine ist, Probleme hat? Ob das Rauchen ein Strohhalm ist?

Ich weiß es nicht. Vielleicht lernen wir sie ja mal unpeinlich kennen. Solange bete ich mal.

Warum bete ICH? Darf ich mir einbilden, damit etwas zu bewirken, besonders bevollmächtigt zu sein? Ne, ich glaube nicht, aber es macht mein Herz offen für Gottes Reden. Es verändert mich. Jesus hat uns gelehrt, zu beten. Und versprochen, dass Gott HÖRT.

Ja, das tut er.

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Einen Tag lang…

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(aus der Ausstellung über den Theosophen Jacob Böhme (1575 – 1624),Nikolaikirche Görlitz)

Das Zitat ist natürlich von Hermann Hesse und spiegelt eine Einsicht Böhmes wieder.

Hesse hat übrigens das schönste Prominentengrab aller Zeiten, auf dem kleinen Friedhof Sant’Abbondio in Gentilino bei Montagnola über dem Luganer See. Man beachte die Vogeltränke :

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(selbst aufgenommen 2004)

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Schlesien von seiner himmlischen Seite…

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Böhmische Wörter

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(aus der Ausstellung über den Theosophen Jacob Böhme (1575 – 1624),Nikolaikirche Görlitz)

Unser Weg in die Lausitz führte uns insbesondere nach Görlitz, tatsächlich eine der schönsten Städte Deutschlands.
Die ganze Innenstadt wurde liebevollst restauriert, es finden sich Gebäude aus den verschiedensten Stilepochen (Renaissance, Gotik, Gründerzeit, Jugendstil) in einer solchen Fülle und gutem Zustand, wie es wohl einmalig in Deutschland ist.

Und hinter der Nikolaikirche öffnet sich ein Friedhof, wie man ihn wohl eher in England vermuten würde, zahlreiche Grabdenkmäler aus vergangener Zeit, teils sehr gut erhalten, teils „gothisch“ verwittert, ein romantischer Gottesacker mit Blick in die jahrhundertealte Görlitzer Geschichte.

Mittendrin das Grab von Jacob (oder Jakob?) Böhme, ein mir bislang unbekannter mittelalterlicher Theosoph. Kenner der „Ketzeria“ schlucken bei letzterem Wort, denn Theosoph nennt sich oft jemand, der von der christlich-biblischen Lehre abgerückt ist und sein Heil in der „Erkenntnis“ Gottes Sucht.

In diese Richtung deutet bei Böhme, dass er offenkundig einschlägige „Fans“ hatte: Goethe, Hesse, Rosenkreuzer. Der amerikanische Schauspieler Nicolas Cage ist wohl unlängst extra nach Görlitz „gepilgert“, um die Wirkungsstätte seines Vorbilds Böhme zu besuchen. Vielleicht ein Kabbala-Anhänger wie gerade in Hollywood modern?

War Böhme nun Neognostiker mit verqueren mystischen Gedanken? Die wenigen Zitate und Berichte über Böhme, die ich bislang in der Ausstellung und einer frisch erworbenen Biographie lesen konnte, klingen nicht danach, sondern nach einem aufrichtig mit dem Herzen suchenden Christen. Sie haben mich angesprochen. Nun, Hesse spricht mich auch an, obwohl ich sein Weltbild skeptisch betrachte. Die private Böhme-Forschung wird also erst einmal weitergehen.

Hat sich ein Leser schon mal mit Böhme beschäftigt?

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Eingeordnet unter God`s Army, Kontemplation, PHILosophie, Vaterland

Warum ich hier bin

Vor ein paar Tagen habe ich gelesen (bezeichnenderweise weiß ich nicht mehr, wo…), dass die User von Blogs, Twitter, Facebook und Konsorten in erster Linie Selbstdarstellung betreiben, dass sie darüber hinwegtäuschen, dass ihr reales Leben fad und langweilig ist und vorgaukeln, was für interessante Wesen sie doch sind.

Zudem beobachte ich gerade, dass zahlreiche Weblogs „sterben“ und die Betreiber nach Twitter und Facebook abwandern. Kurzum: Alles wird immer schneller und fahriger, könnte man meinen.

Grund genug, sich mit diesen Vorwürfen auseinander zu setzen. Bin ich ein Poser? Ist meine Web 2.0-Identität eine Maske? Will ich nur mich produzieren oder kommunizieren?

Ganz ehrlich: Natürlich bin ich ein Poser und verliebt in Umsetzung von Sprache. Natürlich bin ich faul wie alle und hüpfe mal lieber bei Twitter rum, als mir ne Stunde einen Post auszudenken.

Aber ich blogge (und twittere etc.) noch und werde dies auch in Zukunft tun, da ich neugierig bin und gerne mit anderen kommuniziere. Weil ich Spaß daran habe, Menschen mit all ihren entzückenden Eigenheiten kennen zu lernen. Ich bin dankbar für zig Leute, die ich über das Bloggen kennen und schätzen gelernt hab, an die ich oft denken muss und für die ich zuweilen bete, auch wenn ich nur ihren Blog, Account und ihre Kommentare kenne. Die entsprechenden Leute werden sich jetzt schon angesprochen fühlen, und das dürft ihr auch.

Man sollte nicht den „guten alten Zeiten“ hinterherheulen, sondern die Entwicklung, das Kommunikation schneller wird, als große Chance begreifen. Nie waren Informationen so schnell und demokratisch wie heute. Und Schwachsinn entlarvt sich auch im Netz schnell als Schwachsinn, das Gute aber bleibt.

Darum: Poser aller Länder, vereinigt euch zur weiterhin bunten Kommunikation! Ich bleibe dabei…

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Verbale Liebe

„Ich werde sein, was ich sein werde. Ich bin ein Verb! Ich bin lebendig, dynamisch, ewig aktiv und immer in Bewegung. Ich bin ein Geschehen, nichts Feststehendes.“

(aus: Die Hütte: Ein Wochenende mit Gott von William P. Young)

Nach der Lektüre der „Hütte“ im Kurzurlaub im Allgäu die kürzeste Buchrezension meinerseits ever: Das Beschäftigen mit diesem Bestseller lohnt sich zumindest wegen obigen Zitats. Eine der treffendsten Beschreibungen des Wesen Gottes, die dazu einlädt, Gott neu zu erfahren: Als Verb, nicht als Substantiv. Explosiv.

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