Vorbeigehen, beten – warum?

Ich ertappe mich in den letzten Tagen dabei, öfter an Leuten vorbeizugehen und für sie zu beten. Beispiele gefällig?

1. Der schwarze Prediger im Anzug mit der Bibel in der Hand, der seit einigen Wochen am Oberen Markt gegenüber vom Mc mit der Bibel in der Hand predigt.

Er spricht etwas gebrochenes Deutsch, bewegt sich viel, und ich erhasche Wortfetzen von „Jesus, Luzifer, Jerusalem, Hölle, Auferstehung, Sünde, verloren, gerettet“. Eine Schwarz/Weiß-Predigt gleich im mehrfachen Sinne: Gut oder Böse, Jesus oder Teufel, Himmel oder Hölle, und: Ein Schwarzer predigt den Weißen. Deutschland, das Missionsland. Stimmt natürlich.

Ich gehe vorbei. Und bete. Warum? Nun, ich will ihn nicht stören, denn die Botschaft ist natürlich im Kern richtig. Und da dürfen die Leute gerne zuhören und sich daran reiben. Und weil mir der Mitbruder etwas peinlich ist. Warum der Anzug? Warum so laut? Warum das Rumgeturne? Und wen spricht diese Art der Evangeliumsvermittlung von Herzen an, zumindest in einer Würzburger Fußgängerzone? Hätte er nicht mehr „Erfolg““, d.h. Menschen für Gott zu begeistern, wenn er private Gespräche führen, von seinem Leben berichten würde?

Ich weiß es nicht. Ich schäme mich ein bißchen, einmal, weil mir das peinlich für ihn ist, aber auch wegen meiner eigenen Laschheit. Würde ich mich auch für das Evangelium zum Affen machen?

2. Der leicht körperbehinderte Mann in der Information des Arbeitsgerichts.

War heute dort, um einen Schriftsatz abzugeben. Da saß er immer, ein freundlicher, aber auch etwas scheuer junger Mann, früher an der „Pforte“, später an dem Schreibtisch im neuen Inforaum, nach der Modernisierung.

Heute saß er da nicht mehr. Heute hang ein Bild mit einem Spruch an der Theke. Und einem Kreuz, hinter dem ein Datum im Juli stand. Ich habe nie länger mit ihm gesprochen, nur immer gegrüßt und zugenickt. Jetzt kann ich nicht mehr mit ihm sprechen.

Ich konnte nur noch beten.

3. Eine Nachbarin, die im Bademantel auf der Terrasse raucht und Kaffee trinkt.

Eigentlich immer, wenn man in der Küche steht, es schon später am Morgen ist und es nicht regnet. Sie raucht hektisch, sieht müde aus. Sonst ist immer alles zugezogen, der kleine Garten ist schmucklos. Ob sie alleine ist, Probleme hat? Ob das Rauchen ein Strohhalm ist?

Ich weiß es nicht. Vielleicht lernen wir sie ja mal unpeinlich kennen. Solange bete ich mal.

Warum bete ICH? Darf ich mir einbilden, damit etwas zu bewirken, besonders bevollmächtigt zu sein? Ne, ich glaube nicht, aber es macht mein Herz offen für Gottes Reden. Es verändert mich. Jesus hat uns gelehrt, zu beten. Und versprochen, dass Gott HÖRT.

Ja, das tut er.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Privat, Vaterland

5 Antworten zu “Vorbeigehen, beten – warum?

  1. Janet

    danke—für das Vorbild und die Ermütigung. Das lerne ich z.Zt. auch….langsam😉

  2. Mailin

    Nun der schwarze Prediger macht das aber schon länger, oder??😉
    Aber nun zum Thema. Ich kenne das auch oft von mir. Wenn ich etwas sehe, das mir weh tut und ich nicht von außen helfen kann, mich nicht traue oder einfach spüre, dass es nicht in meiner Macht liegt. Warum? Vielleicht, weil ich die Bitte habe, dass der andere heil wird und ich vielleicht selbst insgeheim erhoffe, dadurch ein Stückchen heiler zu werden, indem ich für ihn bete. Vielleicht, weil ich spüre, dass der andere doch mehr mit mir zu tun hat als ich das wahrhaben will… Und natürlich auch, weil ich den irrsinnigen Glauben habe, diese Bitte verändert etwas, kommt irgendwo an und wird irgendwie erhört.

  3. @Janet: Vorbild? Ich würde auch gerne etwas lernen: Nicht immer vorbeizugehen…

    @Mailin: Echt, der predigt schon länger? Er ist mir erstmals vor ein paar Wochen über den Weg gelaufen. Muss wohl mal öfter an die frische Luft.

  4. Mailin

    Ich weiß nicht, ob du da eine Antwort darauf haben willst – aber mir ist er schon sehr vertraut, auch von „früher“. Es ist, glaub ich, wirklich auch der Gleiche. Es gab nur einige Jahre, da war es ziehmlich still (auch was ZJ etc. angeht), in den letzten Monaten/Wochen blüht die „Mission“ wieder voll auf. Ist mir schon sehr aufgefallen. Philosophiere zurzeit öfter darüber, woran das liegt. Weil mir das auch eher fremd ist – es ist wohl nicht taktisch, hat was mit seiner Gemeinschaft zu tun, denke ich.

  5. Danke für diesen Beitrag! Dazu zwei Zitate des von mir sehr geschätzten Theologen Helmut Thielicke:
    „Die Erneuerung der Welt beginnt mit der Entdeckung des Nächsten, an dem Gott liegt.“ und: „Das ist das Problem: nicht ob unsere Gebete Erhörung finden, sondern ob sich Beter finden.“

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