Rotkäppchen und der blöde Wolf

Krisenzeiten, bunt angefüllt mit Rezession, Bankenkollaps, Schweinegrippe und der modischen Wiederkehr der Leggins, verleiten uns arme Menschenkinder zu eskapistischer Lektüre.

Mein kleines (imaginäres, so viel Poesie muss sein) Bastkörbchen, mit dem ich vergangene Woche durch die Hallen der Würzburger Filiale dieses Münchener Buchmonopolisten schlenderte, wurde bestimmt deshalb nicht mit aktuellen Sachbuchtiteln oder dem neuesten sozialkritischen Doku-Soap-Schmöker des ganz unten agierenden Hobbyschwarzen Wallraff gefüllt, sondern es war einmal eine frisch aufgelegte Neuausgabe der Märchensammlung der Brüder Grimm (ob die sich auch mal aufgelöst haben wie Oasis? Immer dieses Brüder-in-einen-Topf-Werfen schadet auf Dauer dem künstlerischen Ego).

Und jetzt lese ich mit großer Begeisterung Märchen. Rumpelstilzchen, der Fischer und seine Frau, Dornröschen und wie sie alle heißen, diese Flashbacks aus der Kindheit, oft wenig werkgetreu nacherzählt von literaturfernen Eltern und Nachkriegskindergärtnerinnen mit sadistischen Neigungen. Nun erstmals von mir im Grimmschen „Original“ (ich weiß schon, die haben auch nur gesammelt – aber eben auch den Standard gesetzt) gelesen. Wenn ich früher mal Märchen gelesen habe, waren das wohl so süße Kinderbuchübertragungen.

Was soll ich sagen: Wiederlesen macht Freude. Und ich bin beeindruckt, was sich da so alles findet und die Eskapismusvorwürfe Lügen straft: Arme Müller, die ihre Töchter wenig uneigennützig mit falschen Renditeversprechen dem Monarchen anpreisen, geldgeile Fischerfrauen, kinderlose Menschen (hier natürlich adligen Geblüts), denen „nichts fehlt bis auf ein Kind“, die dann doch noch ein Girl kriegen, aber zu geizig beim Einladen der Damen-High-Society sind, Witwen, Waisen und sprechende Kröten. Na gut, die sprechenden Kröten sind nicht ganz so sozialkritisch real, aber können wir sie nicht einen Moment als quakende Weisheit der gequälten Natur begreifen?

Mehr stört einen dann schon, dass manche Märchen so unlogische Sequenzen enthalten, wie wir sie als „lustige“ Logikfehler in Hollywoodproduktionen kennen.

Nehmen wir mal das Rotkäppchen. Story noch parat? Also, da drückt Mama dem Girl mit dem lustigen Kopfbedeckungsgeschmack ein Körbchen (aha!) mit Kuchen und Wein in die Hand, mit der strikten Anweisung, direkt damit zur Oma zu marschieren, die nicht im Altenpflegeheim, sondern im Wald wohnt, unterwegs nicht über Los zu gehen und auch keine 4000,- DM einzuziehen. By the way: Was waren das noch für Zeiten, als Omas noch ein schönes, naturnahes Zuhause hatten, sich mit Segen des Nachwuchses mit Kuchen und Wein vollballern durften, das Ganze auch noch als gesund durchging und die DM noch kursierte. Bevor ich jetzt zu eskapistisch werde aber weiter im Märchenwald:

Was macht die Göre? Lässt sich vom erstbesten Wolf seitlich anquatschen, der ihr irgendwas von tollem Wald und man soll da doch erst einmal ein bißchen chillen und so vertickert. Wir modernen Menschen, die wir schon Zeitungsabos auf der Straße von bedürftigen Ex-Knackis anempfohlen bekamen und gerne einmal von netten Hotline-Mitarbeitern angerufen werden, wissen natürlich Bescheid: Der Wolf ist mitnichten ein dufter Sozialarbeiter oder Öko-Aussteiger mit Waldfaible, sondern ein Gourmet: Nicht die olle Oma soll sein Festmahl sein, sondern das knackfrische Käppchen-Girlie.

So, Märchenonkel dieser Erde, jetzt hagelt es Kritik: Der Wolf spinnt nun diesen Plan aus, wonach das Mädel erst mal hier ein wenig im Wald rumhängen soll, während er selbst im Eiltempo zur Oma dackelt, die rüstige Renterin verschlingt, sich sodann crossdressingmäßig in Omakleider schwingt, um dann dort auf das Trödelkind zu warten, bis er es dann verschlinge.

Nun, Herr Wolf, das ist unlogisch! Wozu das Affentheater, wenn man es auch einfach haben kann: Warum nicht gleich das Mädchen im Wald verzehren, gleich an Ort und Stelle, ohne Gefahr, dass der Jäger schnarchende Scheinomas aufstöbert und aufschlitzt? Und danach nachspülen mit Kuchen und Wein?

Was sagt uns das? Dieses Märchen macht aus dem Wolf einen zahnlosen Halbtrottel, der offenkundig nur ein literarischer Kunstgriff für die an vergnügungswillige Mädels gerichtete Moralbotschaft ist, dass man immer schön das tun soll, was die Mutti sagt, ohne selbst nachzudenken und Gefahren wahrnehmen zu lernen. Ein echter Wolfskerl hätte das Mädchen natürlich nicht dumm zugelabert und dann (viel später, zu spät) runtergeschluckt wie der Wal den Jona, sondern das willkommene Häppchen an Ort und Stelle sauber zerrissen. Und das Mädel würde in Anbetracht derart realistischer Gefahrenquellen der Mutter zurufen: Geh doch selbst in den Wald, Rabenmutter!

Das kritische Lesen der Märchen kann richtig Spaß machen! Ich habe mir nur dabei gedacht: Wir Bibelleser, sind wir denn nicht Eskapisten? Märchenleser? Ist die Bibel auch so ein Märchenschmöker mit logischen Brüchen, von Menschen geschrieben, um andere mit Pseudohorrorstorys zu erziehen?

Nach längerem Nachdenken: Meiner Meinung nach ganz gewiss nicht. Besser als Tolkien, dem auch unberechtigt Eskapismusvorwürfe gemacht wurden, werde ich das aber wohl nicht ausdrücken können:

“Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls?”

4 Kommentare

Eingeordnet unter Bibliophil, Vaterland

4 Antworten zu “Rotkäppchen und der blöde Wolf

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  2. Der Literaturwissenschaftler liest die Märchen ja klassischerweise gerne als volkstümlichen Ausdruck des Unbewussten. Dann wäre hier gesagt, dass uns gerade aus dem Vertrautesten manchmal das Unheimliche anweht (wie auch im Badspiegel morgens um 7 etc.). So herum gelesen, wäre eher die Frage, warum der Wolf schon so früh vorkommt…

  3. Das Vertraute ist dann die Oma? Auch ne lustige Idee, passt aber m.E. nicht auf die Rotkäppchen-Story, die ist bei allem Schrecken doch noch zu herzallerliebst, wohl deswegen, damit die Mädels sich überhaupt noch „in den Wald“ trauen.

    Es ist übrigens schon lustig, was für Interpretationen hierüber kursieren: Ein Bild für die Menstruation, der Wolf als Sinnbild des männlichen Sexualtriebs, der auf das pubertierende Mädchen einstürmt, nur Drewermann hat sich nicht daran ausgetobt. Das mit dem Unbewussten würde ihm aber gewiss gefallen.

  4. Was für eine witzige Idee, sich mal wieder Grimms Märchen reinzuziehen! Deine Gedanken dazu sind jedenfalls ausgesprochen amüsant zu lesen.
    Nebenbei: Ich gehöre der Generation an, die diese Art von Märchen, genau wie den Struwelpeter und andere „erzieherisch wertvolle“ Grausamkeiten als junge Erwachsene vehement abgelehnt hat. Meine Kinder haben sie jedenfalls nicht vorgelesen bekommen, statt dessen gab’s Pippi Langstrumpf + Co. Inzwischen verstehe ich ein bisschem mehr, warum auch diese Märchen ihren Platz in der Kinderliteratur haben dürfen …

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