Der Stachel des Winters

Nur noch ein paar Wöchelchen, und schon ist wieder Weihnachten. Und die kalte Jahreszeit hat nach einem milden Sommer und Herbst auch schon Einzug gehalten. Die Tage sind kürzer, die Nächte länger, Wärmflasche und Tee werden wieder zum kleinen Glück.

Da fällt eine Einspielung auf die Erde, die Höheres atmet: Klassik, Jazz, Folk und traditionelles Weihnachtslied vermählen sich in wirklich einzigartiger Weise auf dem neuen Album von Sting, bürgerlich Gordon Sumner, ehemaliger Frontmann von „The Police“, erfolgreicher Solokünstler, seit jeher schon Schöngeist und Weltenwanderer im (pop)musikalischen Bereich. Seit rund 30 Jahren begleitet mich nun schon seine Musik, aber ehrlich gesagt hat sie mich nicht immer umgehauen: The Police fand ich in ihrer Frühphase toll, das letzte Album mit „Every breathe you take“ fand ich nicht schlecht, aber zu poppig. Stings Soloalben enthalten Perlen, aber auch geschmäcklerisches Gutmenschensalbei a la „Russians“. Immer gefallen hat mir allerdings sein Talent für große Melodien und seine kulturelle und damit verbundene musikalische Offenheit, die ihn mal mit Gil Evans, mal mit Marsalis, dann aber auch mit den Chieftains oder Karamazov zusammengeführt hat.

Und nun endlich, mit 58 Lebensjahren, gelingt ihm der moderne Klassiker, den er verdient hat: Ein ruhiges, atmosphärisches, allerdings auch grenzgängerisches Jahreszeitenalbum, keine Weihnachtsplatte, sondern eine Ode an den Winter: „If On A Winter’s Night…“.

Sting
If on a Winter’S Night (Ltd.Deluxe ed.)

Wie auf der DVD der Limited Edition schön anzusehen ist, hat sich Herr Sumner im vergangenen Winter mit einer illustren Gruppe verschiedenster Musiker aus den Bereichen Pop (so sein Adlatus Dominic Miller), Klassik und (englischem) Folk auf seinen Landsitz in der Toskana zurückgezogen (so würden es Adlige wohl formulieren 😉 ) und gruppendynamisch an einer Compilation stimmungsvoller Lieder gearbeitet, die sich mit dem Winter europäischer Art, mit Licht und Dunkel, Christentum und Mythen beschäftigen. Die Produktion ist erstklassig, wenn ich an den Reglern hätte sitzen dürfen, ich hätte es genau so abgemischt: Stings unverwechselbare Stimme naturbelassen, eine lupenreine Gitarre, Folkinstrumente wie Harfe und Dudelsack nicht als folkloristisches Tupferl, sondern gleichberechtigtes Sessionelement, gefühlvolle Klassikinstrumente, cellolastig, zur rechten Zeit setzt lebendige Percussion ein, Chöre untermalen den Klangzauber keltisch und manchmal mystisch anmutend. Und eine Liedauswahl, die nicht den Fehler vieler „Weihnachtsplatten“ macht, sondern es zulässt, dass archetypische Erfahrungen der kalten Jahreszeit in atmosphärischer Dichte ein perfektes Abbild unseres kollektiven Bewusstseins in der „Dicke-Socken-Zeit“ zeichnen.

Diese Platte ist nicht ein „lustiges“ Klassikexperiment wie das Dowland-Album und keine halbherzige Weltmusik, wie auf Stings letztem regulärem Album „Sacred Love“ aus dem Jahr 2003, sondern Fusion im besten Sinne: Ein unwiderstehliches Konglomerat aus Tradition, Klassik und Folk, nicht gehalten, sondern bereichert von Stings Ausnahmestimme.

Wenn man seine inbrünstige Besingung des Namens Jesus erlebt, fragt man sich natürlich nach seiner Motivation, derjenigen eines Mannes, der sich im Booklet als „Agnostiker“ bezeichnet, etwas Distanz zum traditionellen Weihnachtsfest zum Ausdruck bringt und von den Geistern redet, die den Winter bevölkern.

Eine Weihnachtsplatte für „Ungläubige“ also? Lebkuchen- und Teemusik für den gepflegten kosmopolitischen Humanisten mit der geschmackssicheren Villa in der Toskana (ich räume ein, GENAU SO würde ich auch gerne wohnen und musizieren wollen – seufz!)? So, wie seine Musik Licht und Gefühl in den Winter bringt, finden sich einige erhellende Gedanken zu dieser in großen Lettern über diesem Projekt stehenden Frage in einem vorzüglichen Interview, geführt von der insofern unverdächtigen „Frankfurter Rundschau“:

Sting-Interview der FR

Zitat hieraus: „Ich glaube an etwas Profundes, Tiefsinniges, das jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegt. Für mich ist Religion lediglich eine Metapher für die Neugier auf dieses Andere. Aber was es ist, weiß ich auch nicht. Ich bin auf einer spirituellen Suche.“

Spannend…

Und hier noch ein kleiner Eindruck vom neuen Album, das ich hiermit aus vollstem Herzen empfehle (wenn du es eh kaufen willst, kannst du auch gerne obigen Link unter dem Bild anklicken, das geht dann über meinen Amazon-PartnerNet-Account und beschert mir einen kleinen Obulus von Amazon. Empfohlen sei die Limited Edition mit DVD, die lohnt sich auch, tolle Aufnahmen von den Sessions, Interviews, und dieses UNSAGBAR TOLLE Toskanahaus – nochmals Seufzer!):

10 Kommentare

Eingeordnet unter Kontemplation, Kunst, Musik, The Police, Vaterland, Weihnachten, WWW

10 Antworten zu “Der Stachel des Winters

  1. oh, die dem video hinterlegten stücke gefallen mir. aber ich hab mir noch nie eine platte von sting gekauft. – hab mir stattdessen von sufjan stevens „songs for christmas“ bestellt und freu mich auf die schrägheit! mehr als auf gediegene schöngeistiness eines pädagogen.

  2. Wenn du gerne eine schräge Weihnachtsplatte hättest, musst du wohl noch warten, bis die Flaming Lips mal zuschlagen. Sufjan Stevens ist bei aller sympathischen Verschlurtheit auch eher gefällig und süß, trotzdem natürlich eine gute Alternative zu dem üblichen Schmonz.

    Der liebe Alex hatte ja schon mal die ultimative Empfehlung für eine gute Weihnachts-CD ausgegeben:

    http://alexkupsch.wordpress.com/2007/11/25/271/

    Und unser liebster Pädagogenschöngeisti hat diesmal WIRKLICH zugeschlagen, die CD ist ein Pflichtkauf, auch außerhalb von Lehrerhaushalten, die mit Krombacher den Regenwald retten.

  3. Ach ja, hat denn schon jemand Dylan als knarzigen Weihnachtsengel konsumiert?

  4. was ist denn so ein typischer flaming lips song? für neuhörer? – warum schämt man sich eigentlich, sting zu hören? vielleicht weil es immer so genervt hat, wenn klavierstudier-kommilitonen auf frage die was sie denn für musik hören immer geantwortet haben: „alles“, womit sie aber irgendwie nur „klassik und sting“ meinten. ganz gewiss niemals die flaming lips.

  5. ach ja: und der name ist doch schon mal cool! ich nenne mein erstes kind „sufjan“, egal ob junge oder mädchen.

  6. Weihnachtliches von den Flaming Lips:

    oder

    Oh Gott, jetzt werde ich exkommuniziert. Ach ne, geht ja gar nicht mehr…

  7. Danke – das wird das Weihnachtsgeschenk für unseren Sohn!

  8. habe mir einige exemplare dieser platte gekauft, um sie zu verschenken. sie kam einmal schon gut an. hatte selber nun die gelegenheit, selber hinein zu hören. und möchte böse böse kommentare abgeben. so was wie „stings winterplatte versichert dem ent-kirchlichten menschen seine unkündbaren rückbindung zum paganen ur-sound“ oder so was in die richtung. – aber ohne scheiss jetzt: „es ist ein ros entsprungen“ tat ehrlich weh. so geht das nicht, herr lehrer!

  9. @beisasse: Du verschenkst Platten, die du selbst nicht gehört hast? Das ist aber mutig!

    Bei mir läuft das Ding seit Wochen schon und hat sich noch nicht abgenudelt, neben Rolf Lislevands „Diminuito“ gerade meine Lieblingsplatte.

    Was gefällt dir an der entsprungenen Ros denn nicht?

  10. ich dachte schon, du hast den kommentar zensiert🙂 klar verschenk ich platten, die ich nicht selber höre. kann ja nicht jeder denselben geschmack haben wie ich. das ist wohl auch die kunst des schenkens: man schenkt etwas, was dem anderen gefällt und nicht einem selber🙂

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